Von Hatern und ‚Höhlenscheißern‘

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                        Autoren: Emily Beyer, Moritz Karrer, Jako Plaß

„Ich kann nur raten das land zu verlassen denn schon bald stehen wir vor ihnen grünes dreckspack und amischlampe ihr gehört alle am nächsten baum aufgehangen.“

Kommen dir Kommentare wie diese bekannt vor? Dann hab keine Angst, denn damit bist du nicht allein und du musst nicht gleich das Land verlassen oder dich von Bäumen fernhalten.

Hasskommentare sind alltäglicher Bestandteil auf Social Media Plattformen. Konstanze Marx hat untersucht, wie Politiker*innen und andere Personen des öffentlichen Lebens mit Anfeindungen umgehen. Sie erklärt anhand von Beispielen verschiedene Strategien, Hass aus seinem feindlichen in einen veränderten und lächerlich anmutenden Kontext zu bringen.

Im Folgenden werden wir anhand von Konstanze Marxs Analysen verschiedene Positionierungsverfahren zu Hate Speech darstellen.

Mach’s wie Renate

https://m.facebook.com/renate.kuenast/photos/a.427734509050/10157008234349051/?type=3
Die Bild und Filmrechte Renate Künasts sind die einer Person des öffentlichen Lebens

Das erste Beispiel, dass die Sprachwissenschaftlerin Marx diskutiert, ist die Facebook-Seite von Renate Künast. Da die, Politikerin der Grünen, häufiger Hasskommentare erreichen, hat sie ein „Hass-Tool“ auf ihrer Facebookseite etabliert. Dort können sich potenzielle Hater*innen informieren, wie man einen gelungenen Hasskommentar schreiben kann.

„Sie wollen mir einen Hass-Kommentar schicken? Sich mal so richtig auskotzen? Vielleicht weil ich in einer Talkshow nicht das erzählt habe, was Sie hören wollten? Oder weil Ihnen meine Politik nicht passt? Oder weil Sie meine Frisur nicht mögen?

Sie wissen aber noch nicht genau, was Sie schreiben sollen? Oder Sie haben eine ausgeprägte Rechtschreibschwäche? Dann gebe ich Ihnen hier ein paar Hinweise, die Ihnen das Schreiben und mir das Lesen erleichtern.“

https://www.facebook.com/renate.kuenast/app/190322544333196/?ref=page_internal, letzter Zugriff: 25.01.2020 11:20

Sie gibt in ihrer Netiquette Vorschläge zur adäquaten Grußformel, einem angemessenen Stil, Sozialem und eventuellen Konsequenzen. Damit zeigt sie, dass Hassnachrichten generisch und selten individuell sind. Marx analysiert wie durch die (sarkastische) Rahmung Netiquette Hate Speech verharmlost wird und den Hater*innen die Möglichkeit, eine Machtposition ihr gegenüber einzunehmen, genommen wird.

Die Netiquette kannst du dir hier durchlesen:

https://www.facebook.com/renate.kuenast/app/190322544333196/

Der Lehrer*innenmove

Marx zeigt, wie Dunja Hayali, Journalistin, sich von Hater*innen distanziert, indem sie orthografische Mängel beanstandet und eine korrigierte Version der Hassbriefe veröffentlicht. So wird der*die Hater*in aus der selbst gegebenen Machtposition in die Rolle eines*r  zu belehrenden Schüler*in gesteckt und die Inkompetenz der Verfassenden öffentlich zur Schau gestellt. Laut Marx kann sie auf diese Weise den persönlichen Angriff von sich weisen und erhebt sich demonstrativ über die Verfassenden. Durch die Veröffentlichung der Briefe unter der Kategorie Lieblingshassbrief der Woche festigt sie das neugeordnete Rollengefüge und stellt sich klar über die Hater*innen.

https://m.facebook.com/DunjaHayali/posts/1006800829374417/?_rdr, letzter Zugriff: 25.01.2020 11:23Uhr

Ausschnitt der korrigierten Fassung eines Briefes an Dunja Hayali

Die Bild und Filmrechte Dunya Hayalis sind die einer Person des öffentlichen Lebens

Fraglich bleibt jedoch, ob eine solche, teils arrogant anmutende Haltung, wirklich dazu führt, dass Hate Speech Nachrichten weniger werden oder ob dies nicht dazu führt, den Hass sogar noch vergrößern.

Hey du alter Zerstörer…

Du musst ja nicht gleich ein Antwortvideo wie der liebe CDU-Politiker Phillip Amthor machen, aber die Macht eines Videos solltest du nicht unterschätzen. Eine weitere Reproduktionsform von Hate Speech analysiert Konstanze Marx anhand des Videos von der Grünen Politikerin Katrin Göring-Eckardt. Diese zeigt in besagtem Video, dass sie Hate Speech ernst nimmt und der Hass ihr nahe geht. Sie solidarisiert sich mit anderen Empfängern von Hate Speech und nutzt ihre öffentliche Reichweite, um Hasskommentare anzuklagen:

„Viele Menschen, die sich da draußen engagieren, die können das nicht und deswegen mach‘ ich das hier für all diejenigen, die sich weniger wehren können.“

https://www.youtube.com/watch?v=vdkIiKtbdVg, ab Minute 2:31, letzter Zugriff 25.01.2020 11:29

Sie verdeutlicht, dass sie sich von solchen Nachrichten nicht einschüchtern lässt, sondern in ihrem Weg bestärkt fühlt.

„Ihr kriegt mich nicht klein, dass das klar ist.“

https://www.youtube.com/watch?v=vdkIiKtbdVg, ab Minute 3:53, letzter Zugriff 25.01.2020 11:29

Konstanze Marx schlussfolgert über Katrin Göring-Eckardts Methode:

„Derartige Hass-Tiraden gegen die eigene Person öffentlich zu rezitieren, erfordert Mut und Gefasstheit. Durch das audiovisuelle Medium und die damit transportierbare Symptomfülle (Atem, Blick, Mimik, Körperhaltung) wird dieser Mut körperlich. Das Lesen ist eine performative Vorführung dessen, was behauptet wird: KGE lässt sich nicht einschüchtern und macht das sichtbar.“

          Marx, Konstanze: Rekontextualisierung von Hate Speech als Aneignungs- und    Positionierungsverfahren in Sozialen Medien, S. 141

Schau dir das Video doch einfach selbst einmal an.

Katrin Göring-Eckardt: #NoHateSpeech

Die Bild und Filmrechte Katrin Göring-Eckardts sind die einer Person des öffentlichen Lebens

Parodierend Paroli p/bieten

Neben den oben aufgeführten Methoden gibt es aber noch viele andere Möglichkeiten, Hass zu entkräften. Eine letzte Art die Marx analysiert sind so genannte Hate Poetry Slams Preisverleihungen für die dümmsten/rassistischsten Leserbriefe. Solche Inszenierungen als Satire-Shows können persönliche Verletzungen in aktiven Widerstand umwandeln. Das kollektive Lachen ist ein Zeichen von Solidarität und als Stellungnahme gegen Hetze einzuordnen.

Hass lächerlich machen? – Wir feiern’s!

Es bleibt, dennoch fraglich, ob das Problem dadurch langfristig gelöst wird oder nicht noch zu mehr Hass führt…

https://ciadosgifs.blogspot.com/2014/05/mister-bean.html

Die Bild- und Filmrechte an der Serie „Mr. Bean“ liegen bei Tiger Aspect Productions Ltd.

Wie sind deine bisherigen Erfahrungen mit Hate Speech?

Hast du Strategien mit Anfeindungen umzugehen?

Marx, Konstanze: Rekontextualisierung von Hate Speech als Aneignungs- und Positionierungsverfahren in Sozialen Medien. In: Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur, Jg. 63, Nr. 13, S. 132-147

Empirische Untersuchungen zur Produktion von Chat-Beiträgen

Von Celine Bunge, Leonie Lauschner und Tabea Hanker

Chats als Produktionsort von Textbeiträgen

Was passiert während der Produktion von Chat-Beiträgen auf den Bildschirmen der Chat-Nutzer? Mit dieser Frage hat sich Michael Beißwenger, Professor für Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik, in empirischen Studien (etwa: Beißwenger 2010) auseinandergesetzt.

Beißwenger setzt sich dabei mit den Revisionen beziehungsweise vollständigen Löschungen von Textentwürfen während der Chatproduktion auseinander. Umfassende Beobachtungen von Prozessen der Produktionen von Textbeiträgen sollen dabei über den Produktionsverlauf Aufschluss geben. Bevor der Autor jedoch genauer auf seine empirisch erhobene Studie eingeht, beschäftigt er sich zunächst mit den Rahmenbedingungen, die bei der Produktion von Chat-Beiträgen eine zentrale Rolle spielen. Kommunizieren zwei oder mehrere Kommunikanten in einem Chat, ist von „dialogischer”, wechselseitiger Kommunikation auf medialer Schriftbasis die Rede (Beißwenger 2010: S.48). Michael Beißwenger charakterisiert Chat-Kommunikation als „kommunikative Problembearbeitung“ (Beißwenger 2010: S. 48). Er folgt hier einer Unterscheidung von Koch/Österreicher und kennzeichnet Chat-Kommunikation als medial mündlich. Beißwenger definiert Chat-Kommunikation als eine Form der medialen Schriftlichkeit (Graphizität) (ebd., S. 48). Diese ermöglicht eine zeitlich verzögerte Rezeption, und ist anders als beim Komplementärkonzept der „medialen Mündlichkeit“ nur für die Augen erfassbar.

Im Gegensatz zum gesprochenen Wort in einer Face-to-FaceInteraktion sind sprachliche Äußerungen in einem Chat gespeichert und somit jederzeit aufrufbar. Des Weiteren können Beiträge- im Gegensatz zur mündlichen Kommunikation- bis zum Versenden beliebig oft bearbeitet und teilweise oder gar vollständig revidiert werden. Im Gegensatz dazu steht die konzeptionelle Mündlichkeit. Hierbei entsteht Kommunikation spontan und ohne zeitliche Planung. Sie ist gekennzeichnet durch die „soziale Nähe“, also die Anwesenheit beider Kommunikationspartner an einem Ort und den gemeinsam besitzenden Wissensvorrat (Beißwenger 2010: S. 56).   Während die Kommunikatoren im mündlichen Gespräch unter einem gewissen Zeitdruck stehen, erfolgt die Produktion von Chatbeiträgen entspannter. Hierbei kann sich die Planung und Überarbeitung der Nachricht über einen längeren Zeitraum erstrecken. Entsprechend der spezifischen kommunikativen Rahmenbedingungen kann aber auch die Sprachproduktion in der Chat-Kommunikation „zeitlichen Kommunikationsdruck annehmen“ (Beißwenger 2010: S.56). Durch diesen Druck werden in einem Chat sowohl Tippfehler als auch Verzicht auf Zeichensetzung und Groß- und Kleinschreibung toleriert, da man einen Chatbeitrag so schnell wie möglich produzieren möchte, damit Chatpartner nicht lange auf eine Antwort warten müssen. Des Weiteren werden Änderungen oder Korrekturen in Chat-Verläufen sowohl beim Entstehen eines Chatbeitrages als auch beim erneuten Überschauen des entstandenen Textes berücksichtigt (Beißwenger 2010: S.56).


Revisionen und Löschungen im Gesprächsverlauf

(1)

Zum Veranschaulichen der Löschungen und Revisionen in Chat-Beiträgen hat Beißwenger ein Beispiel eines Transkriptes von einem Chatverlauf beigefügt, in dem das Schriftliche, die Zeit, die Aktivitäten des Schreibenden und seine Anmerkungen notiert sind. Das Transkript zeigt an, inwiefern ein Chatproduzent handelt, wenn er mit anderen Chatteilnehmern im Gespräch ist, was dabei berücksichtigt wird und welche Aktionen vorkommen, bis ein fertiger Chatbeitrag abgeschickt wird. Dazu zählen beispielsweise das Korrigieren von Fehlern, das Verfolgen des Chatverlaufes, das Korrigieren einer Nachricht oder das Hinzufügen von Text (Beißwenger 2010: S.57-62). In einem anderen Fall zeigt Beißwenger, wie oft nachträgliche Revisionen, direkte Revisionen und Revisionen insgesamt vorgenommen wurden. Dabei stellt der Professor für Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik fest, dass nachträgliche Löschungen auffallend häufig vorkommen (Beißwenger 2010: S.64). Ein anderes Merkmal, welches das Produzieren von Chatbeiträgen aufweist, ist, dass Chatteilnehmer immer versuchen ihre eigenen Beiträge so zu überarbeiten, dass der Ist-Zustand und der Soll-Zustand übereinstimmen. Dabei ist der Ist-Zustand der Zustand, in welchem sich der Text zur Zeit des Entstehens befindet, also der Entwurf der Nachricht mit noch vorhandenen Fehlern oder ähnlichem. Der Soll-Zustand ist demnach der Zustand, in dem der Text bearbeitet und zum Abschicken fertig sein muss. Der Unterschied zwischen digitaler und analoger Kommunikation ist, dass der Gesprächsteilnehmer bei der digitalen Kommunikation den Chatverlauf konstant visuell einem Monitoring unterziehen muss (Beißwenger 2010: S. 65). Dadurch läuft das Ausüben von Rezipieren und Produzieren nicht parallel, sondern alternierend, da ein Produzent den Chatverlauf nicht ständig beobachten kann. Durch das Unterbrechen dieser Beobachtung kann eine Divergenz zwischen mental repräsentierter Diskursstruktur und der Beitragsabfolge entstehen (Beißwenger 2010: S.66).


 Kooperation und Handlungsplanung in der Chatproduktion

Darüber hinaus sind Teilnehmer von Chats ebenso um Kooperation bemüht wie Teilnehmer an einem mündlichen Gespräch. Um zu untersuchen, inwiefern eine Handlungsplanung in Chats abläuft und wie sich diese mit einer solchen Kooperationsbemühung vereinbaren lässt, hat sich Beißwenger mit dem Zusammenhang von Blickrichtungsverhalten und der ausgeführten Handlung, ob Produktion (Texteingabe) oder Deletion (Textlöschung), beschäftigt. Dabei zeigte sich, dass die Beobachtung des Chatverlaufes die Kooperation unter anderem so beeinflusste, dass Textbeiträge wieder vollständig gelöscht wurden. Dies lässt sich beispielsweise dadurch erklären, dass ein neuer Partnerbeitrag den eigenen überflüssig macht, indem er eine Frage vorzeitig beantwortet oder ein neues Thema einleitet. Somit ist anzunehmen, dass die Gesprächsteilnehmer bemüht sind, durch kooperatives Verhalten die Ordnung in der Konversation aufrechtzuerhalten, indem eine inhaltliche Kohärenz sowie Äußerungen hergestellt und Äußerungen des anderen nicht übergangen werden.


Beißwenger Fazit

Als Fazit hält Beißwenger fest, dass sich Chats auf der Handlungsebene nicht allzu stark vom Mündlichen unterscheiden, da die beiden Handlungen sowie entsprechende Folgehandlungen kooperativ realisiert werden. Chats sind jedoch durch technische Rahmenbedingungen teils beschränkt in ihren Kooperationsmöglichkeiten, was zu einer oberflächlichen Änderung der Gesprächsstruktur führt. Laut Beißwenger ist der Unterschied zwischen Chats und mündlicher Interaktion also, „dass aufgrund unterschiedlicher Rahmenbedingungen (…) die lokale Aushandlung einer linearen Äußerungsabfolge zur Laufzeit nicht möglich ist” (Beißwenger 2010: S.74). Die Partner kreieren somit zwar synchron eine Handlungssequenz, jedoch knüpfen sie häufig aufgrund fehlender Simultaneität zur selben Zeit an unterschiedlichen Punkten an (Beißwenger 2010: S.74-75). Daran zeigt sich, dass in Chatverläufen die Handlungsplanung mehr mit dem beobachteten Stand des Bildschirmprotokolls koordiniert wird als mit dem tatsächlichen Gesprächspartner. Dies ist auch der Grund, warum die Handlungsplanung in Chats häufig geändert oder sogar ganz verworfen werden kann, wenn beispielsweise eine Deletion stattfindet oder Rückbezug auf vorher unbeantwortete Partnerbeiträge genommen wird (Beißwenger 2010: S.77).

Abschließendes Fazit

„Kommunikation“ – in schriftlicher und mündlicher Form – hat in den letzten Jahren unter anderem durch Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp eine enorme Veränderung erlebt. Einen ersten Ansatz zur Unterscheidung der Kommunikationsformen liefert der von Beißwenger genannte Ansatz von Koch und Österreicher (Beißwenger 2010: S.48). Die von Beißwenger durchgeführte empirische Untersuchung liefert erste interessante Einblicke und Erkenntnisse in die Revisionen von Chat-Beiträgen, jedoch erfahren wir nicht, welche Intentionen hinter den Revisionen liegen. Wieso schicken wir die zunächst eingetippte Nachricht nicht ab? Befürchten wir, dass unser Chatpartner die Nachricht womöglich falsch verstehen könnte? Die Art und der Umfang der Untersuchung Beißwengers kann in seinem Werk nicht näher bestimmt werden. Deshalb lässt sich nicht explizit bestimmen, welche Aspekte der Germanist noch weiter empirisch erforscht hat. Dennoch könnten diese Aspekte-nach Bedarf- in einer weiteren empirischen Untersuchung fokussiert im Mittelpunkt stehen und die Ergebnisse von Beißwengers empirischer Studie unterstützen.


Quellen:

Text: Beißwenger, Michael (2010): Medienwandel als Wandel von Interaktionformen. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.

Bilder:

https://pixabay.com/de/photos/whatsapp-smartphone-handy-1706477/

(1) https://pixabay.com/de/vectors/cartoon-handy-chat-comic-1300224/

Privat oder öffentlich?

Dieser Blogbeitrag befasst sich mit Wagners (2019) wissenschaftlicher Aufarbeitung kommunikativer Leistungen der Nutzer auf Facebook. Ihr Forschungsinteresse beruht darin, eine soziologische Beschreibung von Schreibweisen auf Facebook und Erkenntnisse über die dortigen Praxisformen der Nutzer zu erbringen. Die Autorin nutzt hierfür gesammelte Daten einer empirischen Studie, welche unter anderem auf Transkripten eines explorativ-narrativen Interviews und auf Daten einer Online- Ethnographie basiert.

Im soziologischen Diskurs ist vor allem die Differenzierung und Zuweisung der Begriffe Communities, Netzwerke und Schwärme für die Beschreibung internetbasierter Kommunikationsformen von zentraler Bedeutung. An diesem Punkt stellt sich die Frage, wie sich die Kommunikationspraktiken auf Facebook in diese Dreiteilung einordnen lassen.

Kommunikationspraktiken auf Facebook als Communities, Netzwerke oder Schwärme?

Der Begriff der Communities – insbesondere der Virtual Communities – lässt sich mit dem Sozialen, beziehungsweise mit der Beschreibung von Sozialformen im Netz gleichsetzen. Er ist als Gegenbegriff zu der modernen Vergesellschaftung zu verstehen. In diesem Zusammenhang greift sie den Begriff der Pseudo-Communities auf, der bislang dazu diente, eine Abgrenzung zu regulären Communities, die aus der Interaktion unter Anwesenden resultieren, zu beschreiben. Pseudo-Communities hingegen basieren auf eine Personalisierung der Massenkommunikation.  Sie kennzeichnen sich dadurch, dass keine unmittelbaren Kontakte hergestellt werden und folglich keine physische Kenntnis der Beteiligten vorliegt. Hinzu kommt eine Emotionalisierung der Kommunikation zur Vertrauensschaffung, welche allerdings auch die Bildung kurzfristiger Interaktionssysteme begünstigt.

Von besonderem Interesse ist die daraus resultierende Ambivalenz zwischen Privatheit und Öffentlichkeit und das ungeklärte Verhältnis zwischen Innenwelt und Umwelt. Netzwerke hingegen fassen Online-Beziehungen als eigenständige Sozialform auf, welche zwischen den realweltlichen Gruppen und den imaginierten Gemeinschaften steht. Unter den Begriff des Netzwerks fallen sowohl abgegrenzte Gruppen, deren Inhalte primär innerhalb der Gruppe bleiben, als auch durchlässige, weitreichende und sich verzweigende Netzwerke mit einer Verbindung zu Nicht-Mitgliedern. Mit inbegriffen sind ebenso heterogene wie auch kulturell homogene Netzwerke.

Verdichten sich diese Netzwerke, so bezeichnet man diese als Schwärme. Deren zentrale Kennzeichen sind das Fehlen eines Massengeistes, beziehungsweise einer Massenseele im Sinne eines Gemeinschaftsgefühls. Jedoch führt die Autorin außerdem an: „Die Bewegungsmuster von Schwärmen sind flüchtig und instabil, sie lösen sich ebenso schnell auf, wie sie entstanden sind“ (Wagner 2013: 250).

Die bisher behandelten Begriffe des soziologischen Diskurses lassen sich zwar auf die  Kommunikationspraktiken auf Facebook übertragen und außerdem auf die Social-Networks alternativ rekonstruieren, allerdings treffen diese lediglich auf spezifische Sachverhalte zu und bedürfen Ergänzungen und Rekontextualisierungen. Aus diesem Grund führt die Autorin den zunächst paradox erscheinenden Begriff der intimisierten Öffentlichkeit ein,  auf dem im Folgenden näher eingegangen wird.

Facebooks Öffentlichkeiten als Intimisierte Öffentlichkeiten?

Um die Frage zu beantworten, inwiefern sich die auf Facebook konstituierten Öffentlichkeiten als intimisierte Öffentlichkeiten begreifen lassen, ist es zunächst sinnvoll, zwischen Öffentlichkeit und Privatheit auf Facebook zu differenzieren und sich zu fragen, wie eine private Nutzung von Facebook aussehen könnte.

Eine Möglichkeit bietet dabei das Feature, Kontakte ein- und ausschließen zu können. Durch den Ausschluss von Kontakten entsteht beim Ausschließenden ein Gefühl der Privatheit. Mit den bestehenden Kontakten wird allerdings nach wie vor eine Öffentlichkeit und ihr Bestehen gewährleistet. Das hier angesprochene Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit stellt insofern eine intimisierte Öffentlichkeit dar, als die Öffentlichkeit aus einem großen Netzwerk vieler Kontakte besteht. Diese werden jedoch einer Intimisierung unterzogen, indem die Illusion einer geschlossenen Gruppierung durch Verknappung von Kontakten hergestellt wird.

Dieser Mechanismus wird durch die auf Facebook agierenden Algorithmen unterstützt. Mit dem Algorithmus erfolgt eine Selektion der angezeigten Inhalte auf der Startseite anhand folgender Kriterien, die Wagner einer Analyse von Felix Stalder entnimmt. (vgl. früherer Blogbeitrag)

  • Der bisherige Interaktionsverlauf zwischen Nutzern (Affinität)
  • Die Interaktionsrate der Nutzer in Bezug auf den Beitrag (Gewichtung)
  • Wie lange ein Online-Beitrag bereits öffentlich ist (Aktualität)

Mit dieser Selektion ergibt sich auch das Phänomen der sogenannten Filter-Bubbles. Strittig ist hierbei, ob der Algorithmus als Möglichkeit der Ordnungsgenerierung oder aber als Ursache der Selbstmanipulation angesehen werden sollte. Die Autorin verweist hierbei auf die Interviewdaten. Einer der Interviewten sieht im Algorithmus vor allem die Möglichkeit der Ordnungsgenerierung.

„Worüber sprichst du nochmal?“ – Problem kommunikativer Diskontinuität

Bei den Kommunikationspraktiken auf Facebook ist auffällig, dass durch die schnelle Taktung der Kommunikation sowie durch die Aktualisierung der Startseite, die Bezugnahme der Teilnehmenden aufeinander erschwert wird. Diese Diskontinuität der Kommunikation hat zur Folge, dass Sprecherpositionen zueinander symmetrisiert werden, indem sich die Beiträge der Sprecher und ihre Platzierung auf der Startseite zueinander gleich verhalten. Dazu kommt, dass durch die Diskontinuität die Wahrscheinlichkeit von argumentativen Debatten minimiert wird. An ihre Stelle treten Formen affektiver, emotionaler Befindlichkeitskommunikation und öffentliches in Szene setzen der Person. Diese schnell aufkeimenden und abebbenden Diskurspraktiken zeigen sich am Beispiel von sogenannten Shitstorms, womit ein plötzliches und gehäuftes Auftreten oft unsachlicher Kritik verstanden wird sowie von den Shitstorms gegensätzlichen Candystorms. Beide Phänomene können als Beispiele für die im Vorfeld behandelten Schwärme betrachtet werden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass dieses Mischverhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit der bereits aufgeführten intimisierten Öffentlichkeit entspricht. Diese lässt sich als Ergebnis der Facebooknutzung begreifen, die durch das Ausblenden von Unangenehmem, durch die Homogenisierung der Inhalte auf der Startseite, durch die Emotionalisierung des Kommunikationsstils und durch die Diskontinuierung sowie der Technisierung durch Algorithmen gekennzeichnet ist.

Quelle: Wagner Elke (2019): Intimisierte Öffentlichkeiten. Zur Erzeugung von Publika auf Facebook. In: Stempfhuber, Martin/ Dies. (Hg.): Praktiken der Überwachten: Öffentlichkeit und Privatheit im Web 2.0. Springer, S. 243-266.

Bilderverzeichnis: 

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Erstellt von Daria Wunder, Polya Vasileva, Christoph Büntzly, Yuxi Luo, Sophie Nadler

Der Swipe ins große Glück?

Tinder ist eine lokalbasierte Dating-App, die in den letzten Jahren zunehmend an Popularität gewonnen hat. Die App wurde im Oktober 2012 eingeführt und verfügt über 50 Millionen User in 196 Ländern (Ward 2017: 1645). Janelle Ward beschäftigt sich in ihrem Beitrag damit, wie Nutzer versuchen, sich selbst auf der Plattform darzustellen. Was sind ihre Ziele? Was sind ihre Motivationen? Wie möchten sie bei dem anderen Geschlecht ankommen und wonach suchen sie wirklich? Erving Goffman’s Theorie der Selbstpräsentation bietet die Grundlage für die Beantwortung dieser Fragen.

Wie funktioniert Tinder?

Zunächst ist erwähnenswert, dass sich Ward’s Daten auf die Tinder Version von 2017 beziehen. Mittlerweile hat die App jedoch einige Updates durchlaufen, die die Nutzung angenehmer gestalten sollen. Dazu gehören zusätzliche Features oder Auswahlmöglichkeiten beim eigenen Profil (für mehr Infos siehe hier: https://flirtuniversity.de/tinder-updates-was-ist-aktuell-los-bei-tinder/). Das Kernprinzip bleibt aber erhalten.

Nach Ward ist das Besondere an Tinder, dass nur ein sehr geringer Filterungsprozess vorliegt. Es wird lediglich das gesuchte Geschlecht, Alter und ein Radius angegeben (Ward 2017: 1648). Nacheinander werden die potenziellen Personen angezeigt. Zuerst sieht man nur das Profilbild, das Alter und die Entfernung. Wer mag, kann sich dann durch weitere hochgeladene Bilder der Person klicken. Das Auswahlverfahren erfolgt durch das so genannte Swipen. Durch einen Swipe nach links wird die Person abgelehnt, durch einen Swipe nach rechts wird eine Person als potenzieller Match akzeptiert. Erst wenn das Swipen wechselseitig erfolgt, kann miteinander gechattet werden (Ward 2017: 1645).

Impression management  

Ward nutzt Goffman’s Begriff des „Impression management“. Dabei handelt es sich um ausgetüftelte Methoden, um sich selbst im besten Licht zu präsentieren und somit auf potenzielle Partner aufmerksam zu machen (Ward 2017: 1644). Das impression management beginnt mit der Auswahl eines geeigneten Profilbildes und eines kurzen Textes. Die Erwartungen potenzieller Matches werden zuvor eingeschätzt und davon abhängig, versuchen sich die User selbst zu präsentieren. Ward diskutiert dabei zwei grundsätzliche Prozesse. Zum einen gibt es die „impression motivation“. Dabei ist es den Benutzern besonders wichtig, dass sie selbst die Kontrolle darüber haben, wie sie sich präsentieren.

„This high motivation can be illustrated in how users are sometimes tempted to present themselves in idealized ways“ (Ward 2017: 1646).

Zum anderen zählt sie die „Impression construction“ auf. User entscheiden sich für den Eindruck, den sie bei anderen Usern hinterlassen wollen (Ward 2017: 1646). Sie vergleichen sich mit anderen Nutzern und lassen sich davon inspirieren:

„There was a constant comparison with others along with descriptions of what to embrace and what to avoid“ (Ward 2017: 1652).

Die meisten User streben danach, sich selbst in einem besonders guten Licht zu präsentieren, aber dennoch keine neue Version ihrer Selbst zu erschaffen (Ward 2017: 1652). Sie möchten möglichst gut bei einem potenziellen Match ankommen und trotzdem bei der Wahrheit bleiben, weil die Chancen hoch sind, dass man sich auch im realen Leben begegnen kann (Ward 2017: 1647).

Unterhaltung, Ego-Booster oder Partnersuche?

Für ihre Studie erstellte Ward ein eigenes Tinder–Profil mit dem Namen „TinderStudy“ (Ward 2017: 1648), um Interviewpartner zu rekrutieren. Die User, die sich per Mail bei ihr meldeten, wurden dann zu einem Interview gebeten.

Aus ihren Befragungen ging hervor, dass Tinder vor allem zur Unterhaltung und als Ego-Booster genutzt wird. Einige Befragte gaben an, dass es schön wäre, einen festen Partner auf Tinder zu finden. Dies sei jedoch nicht ihre Hauptmotivation (Ward 2017: 1649). Tinder bietet verschiedene Nutzungsmöglichkeiten und daher unterscheiden sich die Motivationen der Nutzer. Viele sehen in Tinder eine Gelegenheit für kurzweilige romantische Begegnungen, wohingegen einige in Tinder eine gute Möglichkeit sehen, langfristige Beziehungen aufzubauen. Viele ändern aber auch ihre Erwartungshaltung nach längerer Nutzung. Durch die stigmatisierte Umwelt löst Tinder aber oftmals Scham statt Stolz aus. (Ward 2017: 1650).

„On Tinder, whether one is using the app for entertainment, seeking an ego-boost, or an eventual relationship, success is defined by an attractive profile, validated through mutual right swipes.“ (Ward 2017: 1651).

Was bedeutet das?

Es gibt unterschiedliche Beweggründe für die Nutzung von Tinder. Das Stigma führt dazu, dass viele User die App in erster Linie zur Unterhaltung nutzen und darin weniger eine ernstzunehmende Dating-App sehen. Das Aussehen des eigenen Profils hängt stark von den Profilen potenzieller Matches ab. In diesem Zusammenhang führt Ward den Begriff der „Homophilie“ ein, der die Neigung zu ähnlichen Individuen beschreibt. Vor allem das Alter, die ethnische Herkunft und der Bildungsstand spielen dabei eine große Rolle (Ward 2017: 1654).

Unserer Meinung nach liefert der Aufsatz eine gute Grundlage für weitere Forschungen. Ward ist sehr transparent in ihrer Methode und auch deren Kritik, obwohl die Wahl der Methode nicht erklärt wurde. Trotzdem wirkt der Text sehr oberflächlich, da er stark auf altmodische Stereotype fokussiert ist. Er ist wenig ergiebig und wenig überraschend: Es fehlt der Erkenntisgewinn. Außerdem mangelt es an Repräsentativität, da nur 21 Personen zu Tinder befragt wurden. Es wäre sicherlich ratsam, die qualitative Methode durch quantitative Methoden wie etwa Fragebögen zu ergänzen. Der Text ist zwar aktuell, wirkt aber durch den ständigen Wandel der App und der Motivationen der User beinahe schon veraltet.

Literatur: Janelle Ward (2017): What are you doing on Tinder? Impression management on a matchmaking mobile app. Information, Communication & Society, 20:11, 1644-1659.

Andere Quellen: https://flirtuniversity.de/tinder-updates-was-ist-aktuell-los-bei-tinder/

Autoren: Kristin Lenßen und Aylin Mercsak

Grindr

Warum weniger manchmal mehr ist!

   

Dana König (2020)

Worum geht es bei Grindr?

Grindr ist eine Dating-App für homosexuelle Männer, in welcher die User Profile erstellen und miteinander somit in Kontakt treten können.

Der Chat Grindrs beinhaltet zwei relevante Funktionen: sending pictures und location (Licoppe et al. 2016: 2543).

Öffnet man einen Chat (indem der User auf das Profilbild klickt), eröffnen sich drei Möglichkeiten, von denen zwei als essenzielles Mittel der Grindr-App fungieren. Zum einen handelt es sich um das allgemeine Chatten, was im Verhältnis zu den beiden anderen Funktionen eher in den Hintergrund rückt (Licoppe et al. 2016: 2543).

Zum anderen ist hierbei das Versenden von Fotos, sowie das Versenden des genauen Standortes entscheidend (Licoppe et al. 2016: 2543).

Die Funktion Grindrs besteht darin, Usern zu einer schnellen sexuellen Begegnung zu verhelfen, indem die App auf einen Blick die Vielfalt homosexuellen Männer in der unmittelbaren Umgebung vorgibt. Der erste unmittelbare Kontakt zweier Männer verläuft somit über die elektronische Konversation (Licoppe et al. 2016: 2544).

Die Feldstudie

Rekrutiert wurden 23 männliche User Grindrs. Von vier Personen wurde die Smartphoneaktivität während der Grindr-Nutzung mithilfe von video recording festgehalten (Licoppe et al. 2016: 2544). Mithilfe der damit entstandenen Daten, sowie der Durchführung von Interviews, sollten drei Aspekte herausgearbeitet werden (Licoppe et al. 2016: 2544):

  1. das Setting, in welchem Grindr genutzt wird
  2. der Wechsel zwischen verschiedenen Aktivitäten innerhalb der Grindr-App, sowie der Wechsel zwischen Grindr und anderen Funktionen des Smartphones
  3. hilfreiche Daten über die Produktion von messaging-mediated encounters. Gemeint ist damit, die durch den Messenger vermittelten Treffen zweier User (Licoppe et al. 2016: 2544).

Hook-ups und das Bewusstsein über die unmittelbare Nähe anderer User

Hook-up ist die Bezeichnung für das, worauf der Chat zielführend aufbaut. Hierbei handelt es sich um die (in der Regel) einmalige sexuelle Begegnung zweier unbekannter Männer, innerhalb eines kurzen Zeitraums (Licoppe et al. 2016: 2545).
Einer der befragten User erklärte, dass die Nutzung Grindrs leicht sei und dass der Konsum einer schnellen sexuellen Erfahrung durch Grindr begünstigt wird (Licoppe et al. 2016: 2545).

            „I found it (Grindr) was very simple and it was really for the consumption of fast sexual encounters. (…)” (S., 31 years old).

Das Treffen mit einem Fremden, die sexuellen Spannungen die dadurch erfolgen, sowie die unmittelbare Befriedigung werden in dem Artikel als one night stand bezeichnet, welches vom französischen Begriff plans cul abgeleitet wurde (Licoppe et al. 2016: 2545).

Grindr und das nötige Übel des Kommunizierens

Hat man(n) nun das Objekt seiner Begierde ausfindig gemacht und sich mit ihm erfolgreich gematched, kann es über die integrierte Messenger Funktion in der App zu einem ersten Kontakt kommen.  Zwangsläufig muss auch der typische Grindr-Nutzer in der App für seine Interessen Interaktionen eingehen. Allerdings stehen die typischen kommunikativen Herangehensweisen im Kontrast zu den Webbasierten Datingseiten, die sich an kommunikativen Praktiken des alltäglichen Lebens orientieren:

„Before with dating sites in Lyon, I was focusing only on two or three conversations but with good exchanges of emails. There was an affinity being created and often we moved on to other media, either text messages or on Facebook, something which would allow for a quieter exchange. So there were few people, I was going there from time to time, and I was focusing on a few conversations which I liked. But on Grindr it’s become every day, I go left and right, I get less involved in conversations and they also get less interesting. That’s the way I see it at least. It’s always the same questions which come back ‘Hello, how do you do? What are you looking for? Where are you living’, sometimes ‘what do you do?’ (M., 24 years old)“ (Licoppe et al. 2016, S. 2548).

Wie dieser Ausschnitt aus dem Interview mit dem 24-Jährigen verdeutlicht, zeigen Nutzer Webbasierter Datingseiten ein großes Interesse daran persönlichen Gespräche zu führen, die sich zunächst als rein platonisch Beziehungen äußern, aber das Potenzial haben sich darüber hinaus weiterentwickeln zu können. Das bedeutet nun nicht, dass alle Grindr-Nutzer potenziell freundschaftliche Begegnungen aus dem Weg gehen – ganz im Gegenteil: Eine kleine Randgruppe von Nutzern, nutzt die App regelmäßig für zwanglose Gespräche mit Gleichgesinnten und für eine Unterhaltung über die Dinge des Alltäglichen:


„For me I use it (Grindr) as a chat. It’s to talk. […] There’s just one person with whom I talk regularly […] It’s a friendly relationship […], we talk about what we do, where we go out, what we will do for our holidays. (G., 33 years old)  (Licoppe et al. 2016, S. 2547).

Um aber nicht als prey in den Fängen der hunter (vgl. Licoppe et al 2016: 2547) zu landen, müssen die Absichten beider Interaktionsteilnehmer von Anfang an klar sein:

„(On Grindr) you’ve got to put a stop to them. I tell them (typical Grindr users) ‘I’m not like that’. […] (E., 43 years old)“ (Licoppe et al. 2016, S. 2548).

Die kommunikativen Herangehensweisen der typischen Grindr-Nutzer

„If I want to talk, […] I don’t need to go on Grindr to talk. It’s for sexual quickies […] If I see you in my head as a sexual prey, I can’t imagine you one second as a friend. That is the way it is.“ (Licoppe et al. 2016: 2547).

Abbildung 2: Grindr Chat – Organisation von casual hook-ups, zwanglosen Treffen (Licoppe et al. 2016, S. 2551).

Typische Grindr-Nutzer kommen im Chat direkt zur Sache, sie reden nicht lang drum herum. Man könnte fast glauben, dass der Großteil dieser Nutzer gerne mit der Tür ins Haus fällt. Hinter ihren kurzen, präzisen sich z.T. wiederholenden Fragen verbirgt sich eine Checkliste, die sie für ihre Herangehensweise im Chat nutzen (Licoppe et al. 2016: 2548). Diese Herangehensweise wird vom Großteil genutzt, um schnelle Begegnungen zu vereinbaren, die zu einer sexuellen Befriedigung führen ohne hinterher irgendwelche Verpflichtungen gegenüber dem Sexualpartner eingehen zu müssen (Licoppe et al. 2016: 2548).

Nutzer haben die Möglichkeit im Chat sich multimodal auszudrücken. Das Teilen von Bildern und besonders das von Standorten, ist ausschlaggebend für ein schnelles zwangloses Treffen (Licoppe et al. 2016: 2546). Abbildung 2 zeigt ein weiteres Zeichen für diese typische Herangehensweise nach der Checkliste: Das unmittelbare nacheinander Schicken von mehreren Nachrichten ohne, dass der Nutzer die Antworten seines Chatpartners abwartet.

Aber selbst, wenn Nutzer – bewusst oder auch unbewusst – nach dieser Checkliste vorgehen, um schnell anderen in zwanglosen Treffen zu begegnen, heißt dies noch lange nicht, dass es auch tatsächlich dazu kommen muss. Entweder werden hunter von ihren jeweiligen potenziellen preys direkt gestoppt oder das anfängliche Schreiben entwickelt sich doch zu einem alltäglichen Gespräch. Das passiert bspw., wenn beide für eine schnelle Begegnung zu weit voneinander entfernt sind (Licoppe et al. 2016: 2554). Demnach besteht eine schmale Linie zwischen der ursprünglichen Intention nur eine schnelle sexuelle Begegnung im Chat in die Wege leiten zu wollen und dem, was hunter eigentlich vermeiden wollen: Ein alltägliches Gespräch zu beginnen (Licoppe et al. 2016: 2553-2555).

Anmerkung

Auf Grundlage des Artikels könnte man sagen, dass die Nutzung Grindrs eine Option für die Männer darstellt, deren primäres Ziel keine feste Partnerschaft, sondern ein einmaliges Erlebnis sein soll. Zudem ist es aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive interessant, dass Grindrs primäres Ziel die Vermeidung von interaktiven Praktiken zu sein scheint. Grindr-Nutzer scheinen dennoch, dazu gezwungen zu werden, miteinander kommunikativ in Kontakt zu treten. Tiefgründige Gespräche sind zwar nicht aus Nutzerperspektive erwünscht, aber kleine Chatverläufe sind Grundlage für das spätere Treffen und können beinahe eine Bedingung für das eigentliche Ziel (die hook-ups) darstellen. Daher sind (im Falle von Grindr) weniger Worte, manchmal mehr.

Literaturverzeichnis

Licoppe, Christian; Rivière, Carole Anne; Morel, Julien (2016): Grindr casual hook-ups as interactional achievements. In: New Media & Society 18 (11), S. 2540–2558. DOI: 10.1177/1461444815589702.

Nadège Seibring und Dana König

Mummy Blogs und der Einfluss ihrer Leser

von Iveta Ivanova, Jiayu Zhong, Laura Fischer, Tabea Thiele

Blogger Mütter, die alles über ihr Leben mit ihren Kindern in der Öffentlichkeit preisgeben, unterscheiden sich manchmal von dem traditionellen Bild der Mutter, das der Leser kennt. Der Blog als ein soziales Netzwerk bietet eine bunte Plattform an, auf der jeden Tag Mutter-Kinder-Theaterstücke aufgeführt werden. Diese Plattform bietet auch eine Transparenz an, die eine soziale Überwachung durch den Leser legitimiert. Er kann Beiträge, die er interessant findet oder für umstritten hält, kommentieren und weiterleiten. Dadurch können die Blogger Mütter Unterstützung erhalten oder Opfer von Hassreden werden.

Konfessionelles Bloggen nach Kate Orton-Johnson

Kate Orton-Johnson ist eine Dozentin für Soziologie an der School of Social and Political Science der University of Edinburgh. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf den Schnittstellen von Technologie, Kultur und Alltag. Sie befasst sich in diesen Bereichen u.a. mit der digitalen Kultur, digitaler Ethnographie, Blogging und vermittelter Elternschaft, sozialen Medien und digitalen Methoden.
In dem Artikel „Mummy Blogs and Representations of Motherhood: ‚Bad Mummies‘ and ‚Their Readers‘ ”aus dem Jahr 2017 befasst sich Kate Orton-Johnson mit der Darstellung der Mutterschaft auf Mummy Blogs und der damit verbundenen sozialen Überwachung durch die Leser. Schwerpunkt sind die Leserreaktionen auf „bad“ und „slummy” mummies.

„[…] confessional blogging of the „bad“ or „slummy“ mummy : blogs that share stories of boredom, frustration, and maternal deficieny while relishing the subversive status of the bad mummy “ (K. Orton-Johnson 2017: 2)

„Yummy” oder „Slummy” Mummy?

Sie, die „guten“ Mütter stehen für das Idealbild, dass durch sexuelle Attraktivität und Glamour geprägt ist. Den Kontrast zu Diesen stellen die „schlechten“ Mütter dar, die als sich gehen lassend gelten und dadurch träge und unfeminin wirken (Vgl. Goodwin & Huppatz, 2010, 85). Diese Unterscheidung führt zwangsläufig zu Be- und Verurteilungen von Müttern im sozialen und kulturellen Kontext, die das Privatleben beeinflussen können. Mütter stehen vor der Frage zu welchem Typ sie gehören. Die Einordnung in eine dieser Kategorien, betont meist nur eine Eigenschaft, die diese Person besitzt und alle anderen bleiben verborgen. Frauen sind nicht einfach Mütter, sondern Personen mit einem eigenen Leben, eigenen Interessen und Verantwortungen, weshalb die Zuordnung in „yummy mummy“ und „slummy mummy“ nichts über die Person an sich aussagt.

Datensammlung der Leserreaktion auf „slummy“ Mummy Blogs

Da die Online-Darstellungen der Mutterschaft auf Mummy Blogs am besten von Frauen beurteilt werden können, die diese Blogs regelmäßig lesen, wurden innerhalb von 2 Jahren (2014-2016) 32 jeweils 45 minütige Interviews mit Leserinnen durchgeführt, die entweder in einer direkten Face-to-Face Interaktion oder via Skype stattfanden.
Alle Teilnehmerinnen waren 28 bis 45 Jahre alt und hatten ihren Wohnsitz in Großbritannien, den USA oder Australien. Zur genauen Analyse wurden alle Interviews im weiteren Verlauf der Studie transkribiert.
Es zeigte sich, dass Blogs, die von Humor und von einem konfessionellen Ton geprägt sind, ein besonderes Interesse bei den Leserinnen hervorrief. Diese thematisieren mütterliches Versagen, Selbstentwertung und Geschichten über unangenehme Situationen im Familienleben.
Der Blog „Eeh bah Mum“ von der 40-jährigen verheirateten Britin Kirsty Smith, die Mutter von zwei Kindern ist, erfüllt diese Kriterien. Er kam aufgrund seiner Darstellung in den Interviews mehrfach zur Sprache und wurde hier von Kate Orton-Johnson als Forschungsgrundlage herangezogen.

„The internet is forever – in ten years, when their kids find these posts and read the names their parents called them, I doubt they’ll say, ‚It’s okay, Mom. I’m sure it got you a lot of pageviews“ (Gottlieb, 2015)

Die Widersprüchlichkeit sozialer Überwachung: Was soll man in den Mummy Blogs teilen?

Mummy Blogs, als eine öffentliche online Plattform, geben sowohl den Bloggern als auch ihren Lesern die Chance gehört zu werden. Durch die entstehende Wechselwirkung entsteht die Möglichkeit die allgemeine kulturelle offline Darstellung von Müttern zu verändern. Jedoch könnten Texte und Kommentare, in denen die Mütter ihre negativen Erfahrungen beschreiben, sowohl die Kinder und als auch die Beziehung zwischen Mutter und Kind verletzen.
Eine Probandin, Jessica, sagte im Interview, dass keine moralische Kritik über die Privatsphäre der Kinder geäußert wird, wenn ein glückliches und positives Familienbild online gestellt wird. Genau so wird Kritik durch Leserinnen meist nur dann geäußert, wenn es zu einer Abweichung von der allgemeinen kulturellen Darstellung einer guten Mutterschaft kommt. Beispielweise nennt eine Bloggerin, wie im Text beschrieben wurde, ihren Sohn ein Arschloch. Sie wurde deswegen von Bloggerinnen als eine schlechte Mutter tituliert.
Was sollte man also in den Mummy Blogs posten und wo wird eine Grenze gesetzt? Die Leser von Mummy Blogs erwarten Geschichten, die authentische, frustrierende Erfahrungen von einer Mutter mit ihrem Kind beinhalten, aber zugleich, wegen der Unsicherheit der öffentlichen digitalen Daten der Kinder, ethisch korrekt sind. Bei Mummy Blogs handelt es sich um das Leben von Müttern und deren Kindern, wobei nur die Mütter allein entscheiden wo sie die Grenze ihrer Privatsphäre ziehen oder wann sie diese überschreiten wollen. Bedenken sollten sie aber immer, dass sie keine Kontrolle über die Reaktionen und Kommentare der Leser haben, die ebenfalls für immer gespeichert werden. Um die Ethik der Mummy Blogs und generell der online Beiträge definieren zu können, wäre eine weiterführende Forschung und Diskussion nötig.

Quellen:

Infos über Kate Orton-Johnson: http://www.sps.ed.ac.uk/staff/sociology/orton_johnson_kate
Quelle des Fotos: https://pixabay.com/de/vectors/disziplin-w%C3%BCtend-frau-mutter-4145087/

Literatur:

Goodwin, S., & Huppatz, K. (2010). Mothers making class distinctions: The aesthetics of maternity. In The Good Mother: Contemporary Motherhoods in Australia (pp. 69–88). Sydney: Sydney University Press.

GottLieb, J. (2015): You’re kind of a bitch of a mom blogger. http://jessicagottlieb.com/2015/03/bitch-mom-blogger/

Orton-Johnson, Kate (2017): Mummy Blogs and Representations of Motherhood: “Bad
Mummies” and Their Readers. In: Social Media & Society. 3 (2),
https://doi.org/10.1177%2F2056305117707186.

Bildquelle:

https://pixabay.com/de/vectors/disziplin-w%C3%BCtend-frau-mutter-4145087/

Das ungeahnte Potenzial digital vermittelter Kommunikation

Ein Lektüreprotokoll des Aufsatzes Mediatisierung und Medialität in Social Media das Diskurssystem „Twitter“ von Mark Dang-Anh, Jessica Einspänner und Caja Thimm

von Camille Rose, Laura Wegner und Philip Ronden

1. Einleitende Bemerkungen

Die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit digital vermittelten Kommunikationsformen birgt gemäß Dang-Anh et al. (2013) ein großes Potenzial, welches Erkenntnisse und Rückschlüsse auf diskursspezifische Phänomene und sozial-kulturelle Praktiken ermöglicht, die sich wiederum im sprachlichen Mediengebrauch manifestieren (ebd.: 68f.). Digitale Kommunikation kann durch eine solche interdisziplinäre Forschung zutreffender beschrieben und genauer erfasst werden.

Die interdisziplinären „Bezugspunkte“ zwischen der Sprach-, Kommunikations- und Medienwissenschaft (welche sich aus der „Medialität der Sprache“ und der „zunehmende(n) Mediatisierung der Kommunikation“ ergeben) sollen, laut Dang-Anh et al. im Rahmen wissenschaftlicher Auseinandersetzung analysiert werden. Wie dies genau geschieht, veranschaulichen die Autor*innen anhand des Microbloggingsystems Twitter.

2. Das Verhältnis Medien und Sprachforschung

Digitale Verbreitungsmedien in jeglicher Form sind in unserem Alltag mittlerweile selbstverständlich und scheinen unentbehrlich geworden zu sein. Innerhalb der Forschung vollzog und vollzieht sich immer noch ein Wandel, der das Gebiet der Digitalisierung und Social-Media-Plattformen betrifft. Sprach- und Medienforschung wurde lange ein gegensätzliches, beziehungsweise den Gebieten sehr eigenständiges Forschungsinteresse, nachgesagt. Kommunikation und Sprache waren keine selbstverständliche Einheit in der wissenschaftlichen Betrachtung, eher wurde beides getrennt analysiert.

Das Konzept der Mediatisierung gilt in der deutschen Forschung als ein grundlegendes Modell zur Beschreibung und Erklärung sozialer Medien wie Twitter oder Facebook auf interdisziplinärer Basis (bd.: 71). Eine weiterer Fundierungsansatz der modernen Sozialwissenschaft ist die Theorie der Medialität. Auch sie kann dazu beitragen, „Zusammenhänge zwischen sprachlichen und gesellschaftlich-kulturellen Prozessen“ (ebd.: 70) zu verstehen. Das Medium wird jedoch nicht nur als bloßer Mittler verstanden. Sogenannte „Prägkräfte der Medien“ (Hepp zit. n. ebd.: 84) bilden sich heraus, welche im Prozess der Medienkommunikation ebendiese verändern (ebd.: 75).

3. Das Verhältnis von Mediatisierung, Medialität und deren Prägkräften am Beispiel des Microbloggingsystems Twitter

Twitter als soziales Netzwerk

Spätestens seit Donald Trump erlangt Twitter wieder größere Aufmerksamkeit, insbesondere in der politischen Kommunikation. Bei dem Microbloggingdienst handelt es sich um eine Plattform zur Kommunikation. Jedoch ist die Zeichenzahl der Posts, genannt Tweets, begrenzt. Die magische Zahl war lange Zeit die 140, diese ist 2017 jedoch auf 280 Zeichen angehoben worden. Ob diese Änderung dennoch der Aussage entspricht, dass die Beschränkung der Zeichenmenge zu einer sprachökonomischen Verwendung führe, müsste nun genauer untersucht werden. Fest steht aber in jedem Fall, dass so eine Art der Begrenzung in fast keinem anderen Social-Media-Netzwerk auftritt und dass diese Beschränkung in Verbindung mit der „Ad-hoc-Berichterstattung“, in Form von Fotos und Videos, Twitter zu einem sehr dynamischen Netzwerk macht (ebd.: 78f.). Wie im Blogbeitrag Die Singularisierung der spätmodernen Gesellschaft bereits aufgezeigt wurde, spielt des Weiteren eine Aufmerksamkeitslenkung in der digitalen Welt eine zentrale Rolle. So bekommen nur wenige User eine besonders große Aufmerksamkeit, während der Großteil eher weniger erhält.

Diskursmodell Twitter

Wendet man sich nun Twitter als einem Diskurssystem zu, differenzieren Dang-Anh et al. drei Ebenen, um die Komplexität des Phänomens zu bestimmen:

  1. Operatorenebene: programmdeterminierte, systembestimmte Zeichenkodierung
  2. Textebene: propositionaler Gehalt, Aussageebene, Inhalte der Tweets
  3. Performativ-funktionale Ebene: Handlungsziele und Handlungszwecke

Um dies zu veranschaulichen, weisen Dang-Anh et al. auf das Operatorenmodell von Thimm et al. 2011 hin, welches die für Twitter charakteristischen Kommunikationsoperatoren @, #, http:// und RT („Retweet“) und die damit zusammenhängenden Funktionen darstellt (vgl. Abb. 1).


Abb. 1: Ebenen der Twitter-Kommunikation, (Dang-Anh et al. 2013: 80)

Das @-Zeichen und das Hashtag werden im Folgenden ausführlicher erläutert.

@-Zeichen

Meist wird der @-Operator verwendet, wenn User miteinander sprechen (Adressierung) oder wenn sie übereinander reden (Erwähnung). Die jeweiligen durch @ markierten Accounts werden zudem verlinkt und die Adressaten erhalten eine Benachrichtigung. Das Wissen darüber, dass die genannte Person dadurch auf den Tweet aufmerksam werden kann, kann einerseits ein Zeichen für „transparente und faire Kommunikationskultur sein“, andererseits für die „Verstärkung von Diffamierungen, Bedrohungen und Beleidigungen“ stehen (Dang-Anh et al. 2013: 83). Der Account wird zudem oft grammatikalisch in den Satz eingebaut.

Des Weiteren wird eine Kohärenz generiert, da die Tweets durch die Verlinkungen technisch miteinander verbunden sind und die Interaktionssequenzen für Dritte nachvollziehbar sind. Auch handelt es sich bei der Interaktion nicht zwingend um eine dialogische Form, da sie beliebig viele Teilnehmer umfassen kann, deren Adressierungen zudem nicht zwingend zu einer Interaktion auffordern müssen. So ist das Ziel häufig die Verbreitung von Information, was zudem oft durch Hyperlinks unterstützt wird.

Hashtags (#)

Geht einer Zeichenketten ein Hashtag voraus, dann wird dieser Vorgang als „Tagging“ oder „Indexierung“ bezeichnet (ebd.: 83). Die Zeichenkette wird ebenfalls bei Twitter verlinkt, sodass man nach allen Tweets suchen kann, die diesen Hashtag beinhalten. Dies bewirkt eine Strukturierung und Themenfindung innerhalb des Diskurses und führt zu „Ad-Hoc-Öffentlichkeiten, die sich kurzfristig und temporär um bestimmte Hashtags bilden (ebd.: 84).

Getaggt werden dabei einerseits einzelne Wörter innerhalb eines Satzgefüges oder die Tags erfolgen am Ende der Aussage. Auch werden häufig Abkürzungen verwendet, welche spezifisch für singuläre Ereignisse und Veranstaltungen gebildet werden. Doch nicht immer müssen sie eine direkte Indexierungsfunktion aufweisen. So kann es sich auch um „kommunikativ-funktionale Verschlagwortung“ (ebd.: 85) handeln. Diese dienen der Kontextualisierung, mit häufig expressiver Funktion. Beispielsweise weist das Hashtag „#fail“ nicht zwingend darauf hin, dass es noch andere Tweets mit diesem Hashtag gibt, sondern soll die Aussage an sich unterstreichen. Dies zeigt, dass Tweets häufig Bestandteil eines „komplexen thematischen Diskurses“ sind, welcher sich zudem zu einem „hochkomplexe[n] Referenzierungssystem“ entwickelt (ebd.: 80).

Ein Fazit

Nachvollziehbar erläutern Dang-Anh et al. die Bedeutung der interdisziplinären Auseinandersetzung mit dem sprachlichen Mediengebrauch und den Sozialen Medien anhand der Sprach-, Medien-, und Kommunikationswissenschaft. In Anbetracht des heutigen gesellschaftlichen Stellenwertes digital vermittelten, öffentlichen Diskurses, begründet sich die Notwendigkeit, die sprachlich-kommunikativen Prozesse in Social Media als kulturelle und soziale Praktiken aufzufassen und zu untersuchen.

Diese Bedeutung haben Dang-Anh et al. bereits vor dem Jahre 2013 erkannt. Seither hat die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit digital vermittelten Kommunikationsformen an Relevanz weiter zugenommen. Nun ist es an der Zeit, von dem Erkenntnispotenzial und der Quelle neuer Ausgangspunkte möglicher Fragestellungen zu profitieren. 

Nachweise/Links:

Dang-Anh, Mark; Einspänner, Jessica; Thimm, Caja (2013): Mediatisierung und Medialität in Social Media: Das Diskurssystem „Twitter“. In: Konstanze Marx und Monika Schwarz-Friesel (Hg.): Sprache und Kommunikation im technischen Zeitalter. Wieviel Internet (v)erträgt unsere Gesellschaft? Berlin, Boston: de Gruyter, S. 68–91.

Titelbild: twitter-bildkomposition_titelbild, eigene Darstellung; Bildkomponenten: https://pixabay.com/de/photos/twitter-bildschirm-soziale-telefon-1795652/ (aufgerufen: 08.01.20) und https://pixabay.com/de/vectors/twitter-tweet-vogel-lustig-117595/ (aufgerufen: 08.01.20).

Erschaffen einer Kultur – gemeinsam, digital

Die Kultur der Digitalität nach Felix Stalder (2016)

Felix Stalder ist Schweizer Kultur- und Medienwissenschaftler und doziert aktuell als Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung an der Zürcher Hochschule der Künste. Ebenso ist er Mitglied des World-Information-Instituts in Wien. Stalder setzt sich thematisch mit dem Wechselverhältnis von Gesellschaft, Kultur und Technologie auseinander und legt seine Forschungsschwerpunkte unter anderem auf Digitalität, Kontrollgesellschaft und Subjektivität. Dazu verfasste und veröffentlichte er bereits einige Bücher und Artikel, wie zuletzt das Buch „Kultur der Digitalität“ in 2016, woraus hier ein Ausschnitt vorgestellt werden soll.

Austausch in digitalen Gemeinschaften

In „Kultur der Digitalität“ befasst sich Stalder mit dem Begriff der „Gemeinschaftlichkeit“. Grundsätzlich ist der Mensch ein soziales Wesen, welches sich als Einzelner an anderen Menschen orientiert. Nur im kommunikativen Austausch mit anderen versteht der Mensch die Bedeutungen seiner komplexen Umwelt und ist fähig im Zuge dessen zu handeln. Stalder führt den Begriff der „gemeinschaftlichen Formationen“ (Stalder 2016, S. 129) ein. Diese Formationen bilden einen sozialen Raum zum kommunikativen Austausch. Sie entstehen in gewissen Praxisfeldern, sei es beispielsweise auf verschiedenen Social-Media-Plattformen, Blogs, Internetforen oder in sozialen Gruppen, wie etwa in der Familie und Freundesgruppen, Sportvereinen, Betrieben und Parteien.

Alle Mitglieder sind aktiv an der Konstituierung dieses Felds beteiligt, deshalb die Betonung der Praxis.“ (S. 136)

In diesen Feldern herrscht ein offener und strukturierter Austausch zwischen den Akteuren, jeder bringt dabei unterschiedliche Wissens- und Erfahrungsstände. So kann gemeinsam ein interpretativer Rahmen entwickelt, erhalten und verändert werden. Stalder bezieht sich hierbei auf die Community of Practice nach Lave und Wenger (1991). In den gemeinschaftlichen Formationen erhalten die Handlungen der Mitglieder sowie gewisse Objekte und Prozesse eine feste Bedeutung und Verbindlichkeit. So erschaffen sich die Akteure gemeinsam eine „kulturelle Homogenität“ (Stalder 2016, S. 162). Dazu tragen die verschiedenen Mitglieder Wissen, Ressourcen, Interpretationen usw. zusammen, mit denen wiederum neue Wissens- und Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden können. Da Kommunikation hier eine bedeutende Rolle spielt, muss der Einzelne innerhalb der Gemeinschaft stets aktiv kommunizieren, um in seinem Feld für die anderen Mitglieder sichtbar zu bleiben (Stalder 2016, S.135).

Praktiken der Kommunikation

Um die vielfältige Kommunikation mit anderen Mitgliedern zu bewahren, wird mit Hilfe digitaler Technologien kommuniziert. Das bedeutet: durch digitalen Austausch, wie z.B. über E-Mails, Posts, Blogs, Updates, können die Möglichkeiten zu Kommunizieren erweitert und somit der informelle Austausch zwischen den Mitgliedern abgesichert werden. Der Einzelne möchte durch seine Präsenz und Verfügbarkeit eine soziale Existenz entwickeln und gleichzeitig die Anerkennung der anderen Mitglieder erhalten. Ist er erfolgreich dabei, zeigt sich dies durch Feedback der Mitglieder in der Formation. Dieses kann dabei positiv oder negativ ausfallen, ebenso ist das Ausbleiben einer Reaktion als Feedback zu deuten. Die anzustrebende Anerkennung kann sich bereits in einen simplen Like zu einem online geposteten Beitrag äußern. Dem Akteur wird bestätigt, dass er einen Empfänger hat, somit eine aktive Kommunikation besteht und er demnach im Feld gesehen wird.

Um die vielfältige Kommunikation mit anderen Mitgliedern zu bewahren, wird mit Hilfe digitaler Technologien kommuniziert. Das bedeutet: durch digitalen Austausch, wie z.B. über E-Mails, Posts, Blogs, Updates, können die Möglichkeiten zu Kommunizieren erweitert und somit der informelle Austausch zwischen den Mitgliedern abgesichert werden. Der Einzelne möchte durch seine Präsenz und Verfügbarkeit eine soziale Existenz entwickeln und gleichzeitig die Anerkennung der anderen Mitglieder erhalten. Ist er erfolgreich dabei, zeigt sich dies durch Feedback der Mitglieder in der Formation. Dieses kann dabei positiv oder negativ ausfallen, ebenso ist das Ausbleiben einer Reaktion als Feedback zu deuten. Die anzustrebende Anerkennung kann sich bereits in einen simplen Like zu einem online geposteten Beitrag äußern. Dem Akteur wird bestätigt, dass er einen Empfänger hat, somit eine aktive Kommunikation besteht und er demnach im Feld gesehen wird.

Freiheit und Zwang

Wer »freiwillig« Konventionen akzeptiert, erhält Zutritt zu einem Praxisfeld, in dem er aber unter Umständen strukturell benachteiligt ist.“ (S. 157)

Stalder nennt, in Bezug auf die inneren Strukturen einer „Community of Practice“, ebenso die „Macht der Soziabilität“: Mitglieder unterwerfen sich freiwillig gewissen Protokollen, welche anhand von Regeln, Sichtweisen und Handlungsmustern vorgeschrieben werden. Je größer die Akzeptanz eines Protokolls innerhalb der Gemeinschaft ist, desto größer ist die Pflicht der Mitglieder, sich an dieses zu halten. So soll die kulturelle Homogenität gesichert werden.

Das bedeutet: obwohl sich Mitglieder einer Formation freiwillig anschließen und demnach authentisch verhalten, unterliegen sie dem Zwang gewisse Regeln und Pflichten einzuhalten. So sollte beispielsweise die Sprache einer Formation beherrscht und richtig verwendet werden, um sich den Zugang der zirkulierenden Ressourcen zu gewährleisten. Ist dies nicht der Fall, kann keine erfolgreiche Kommunikation zu anderen Akteuren des Feldes erfolgen. Somit geht das Mitglied das Risiko einer Eliminierung ein. Des Weiteren kann es passieren, dass bestimmte Mitglieder unter gewissen Umständen Diskriminierungen in ihrem Praxisfeld erfahren. So könnte etwa das weibliche Geschlecht in einem männerdominierten Praxisfeld, wie in vielen technischen und handwerklichen Bereichen, auf Grund geringer Frauenquoten und mangelndem Respekt, eingeschränkt werden.

Es besteht zwar die Wahl, aber frei ist sie nicht.“ (S. 159)

Das Mitglied steht vor der Entscheidung die Ausgrenzung der anderen Mitglieder hinzunehmen um somit weiterhin Zugang zu Ressourcen und Wissensständen zu erhalten, oder das Praxisfeld zu verlassen und außen vor zu bleiben.

Quellen:
Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp, S. 129-164. https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Stalder (Stand: 30.10.2019).
Lave, Jean; Wenger, Etienne (1991): Situated Learning. Legitimate Peripheral Participation. Cambridge: Cambridge University Press. Altmann, Gerd: human, 2017, https://pixabay.com/de/photos/menschen-betrachter-ausstellung-2944065/ (Stand: 30.10.2019).

Autorinnen: Charlotte Staudinger, Stefanie Steinmetz

Die Singularisierung der spätmodernen Gesellschaft

von Sven Gyrnich, Jolanda Pauline Friedrich, Laura Kesper

Was sind Singularisierungsprozesse in der digitalen Welt? Was zeichnet sie aus, und welche Rolle spielen sie für uns Menschen? Diesen Fragen stellt sich Reckwitz in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ und versucht so, das postmoderne Verständnis über die digitale Welt und deren Bedeutung zu erläutern.  Im Folgenden fassen wir in diesem Blogbeitrag die Seiten 243 bis 272 zusammen. Zu Beginn stellt Reckwitz fest, dass es in dem digitalen Netz verschiedene Singularisierungsprozesse rund um Subjekte, Objekte aber auch Kollektive gibt.(Reckwitz, 2017: S. 243). Dabei werden zwei Arten der Singularisierung erkenntlich: die „kulturelle” bzw. „affektive Singularisierung” (ebd. S.243), die sich auf die Interaktion zwischen Subjekten und Maschinen bezieht, und die „maschinelle Singularisierung” (ebd. S.243), die die Interaktion zwischen Maschinen in den Fokus setzt.

Die digitale Welt als Bühne     

Bei der kulturellen Singularisierung handelt es sich um ein Phänomen, bei dem es um die öffentliche Selbstdarstellung der Subjekte geht. Kennzeichnend hierfür ist, dass die Informationen frei zugänglich sind, jeder die Möglichkeit hat, sich selbst darzustellen und die Singularisierung stark von einem Aufmerksamkeits- und Valorisierungswettbewerb geprägt ist. (ebd. S.244 f.) Reckwitz zieht den Vergleich zu David Riesmans Theorie vom other-directed character (Riesman et. al. 1965). Während es bei Riesman jedoch um das Erreichen der sozialen Unauffälligkeit bzw. Angepasstheit geht, intendiert das digitale Subjekt seine Einzigartigkeit zu betonen, um sich von anderen abzuheben. (Reckwitz, 2017: S.246) Reckwitz deutet dies als „Performance” (ebd. S.246) vor einem Publikum und spricht in diesem Zusammenhang von der „performativen Authentizität” (ebd. S.247) als Merkmal kultureller Singularisierung. Hierbei ist zu beachten, dass dem Willen nach ungebundener Entfaltung der Zwang, sich so darzustellen, wie die Gesellschaft es wünscht um im Aufmerksamkeitswettbewerb mithalten zu können, gegenüber steht (ebd. S.247).

„Plakativ gesagt: Nur Sichtbarkeit verspricht hier soziale Anerkennung, während Unsichtbarkeit den digitalen Tod bedeutet“

(Reckwitz, 2017: S. 247).

Komposition des Selbst

Für die bereits thematisierte Selbstdarstellung benötigt jedes Selbst ein „Profil” (ebd. S.248), das die eigene Persönlichkeit repräsentiert und somit der Identitätsproduktion dient. Dabei besteht die Kunst darin, seine Eigenarten und Besonderheiten zu einem adäquaten Gesamtbild zu vereinen. (ebd. S.248-249). Es werden sogenannte „modularisierte Tableaus” (ebd. S.248-249) kreiert, die die Persönlichkeit widerspiegeln sollen. Durch das Zusammensetzen einzelner Interessensfelder und Eigenschaften entsteht laut Reckwitz erst das Interessante an einem Profil. (ebd. S.249) Des Weiteren sollte man bedenken, dass das Profil keine feste Größe ist, sondern davon lebt, sich immer wieder neu zu repräsentieren. Visualität spielt dabei eine große Rolle, da sie durch das Darstellen von Erlebtem dem Rezipienten Unmittelbarkeit und somit Authentizität vermittelt. (ebd. S.249-250) Zudem fördert sie eine „affektive Positivkultur” (ebd. S.251), da man vor allem mit dem Teilen von positiven Augenblicken versucht, Aufmerksamkeit zu erlangen. (ebd. S.251-253)

Personalisierung durch Datensammlung

Das Verhalten von Nutzern wird laut Reckwitz durch „apparative Systeme der Beobachtung“ (ebd. S.253) festgehalten, welche versuchen, sie in ihrer Besonderheit zu begreifen. Durch die Auswertung großer Mengen von Daten können Subjekte als Singularitäten begriffen werden, anstatt sie nur beruhend auf der Allgemeinheit zu typisieren. Diese Änderung stellt einen geschichtlichen Einschnitt dar, da Menschen traditionell in der „Öffentlich-Systemischen” (ebd. S.254) Welt eher als Typus und nur im „Privat-Lebensweltlichen” (ebd. S.254) als Individuell definiert wurden. Die im Internet gesammelten Daten werden von Firmen und Institutionen genutzt, um das Subjekt aus diskreten Teilen zusammen zu setzen anstatt es in seiner Gesamtheit in den Blick zu nehmen. Eine Art dieser Teile entsteht, so Reckwitz, durch die Auswertung von Netzwerkprotokollen, die durch Firmen wie Google genutzt wird, um Vorhersagen über zukünftiges Verhalten zu treffen. Während die manuelle Datensammlung (Small Data) (ebd. S.256) der industriellen Moderne zwar auch durch sogenannte „people analytics” (ebd. S.256) versucht hat, Einzigartigkeit in Subjekten festzuhalten, gelang es ihr nicht zum singulären Subjekt vorzudringen. So konnten zwar Konsum- und Wahlverhalten durch Korrelation typisiert werden, diese Typen können jedoch erst mit Hilfe von Big Data gezielt adressiert werden.

„Subjekte sehen sich einer sozusagen maßgeschneiderten kulturellen Umwelt gegenüber, die versucht, sich so weit wie möglich ihrer aktuellen Wunsch-Interessen-Struktur anzupassen.”

(Reckwitz, 2017: S. 258)

Auf Grundlage der Datensammlung und -auswertung können Inhalte automatisch singularisiert werden. Auf Facebook werden dem Subjekt abhängig von seinen Freunden und Vorlieben nur speziell ausgewählte Inhalte angezeigt. Google nimmt eine ähnliche Art der Auswahl von Inhalten im Rahmen von Suchergebnissen vor. Reckwitz beschreibt diese Auswahl für Nutzer als Fenster zu ihrer digitalen Welt und möglicherweise ihrer kulturellen Welt insgesamt. Die universale Welt des Netzes wird auf maschinell-algorithmische Weise in unzählige singularisierte Umwelten verwandelt. (ebd. S.258) Diese drastische Selektion ist nötig, um in der unendlichen Menge von Texten und Bildern die Aufmerksamkeit des Nutzers zu lenken.

Formen des Sozialen und Neogemeinschaften

Reckwitz beschreibt in seinem Text drei Formen des sozialen Neuen. Diese bezeichnet er als „Singularitätsmärkte”, „heterogene Kollaboration” und „Neogemeinschaften”. In der ersten Form, den Singularitätsmärkten, wird so viel produziert, dass ein ständiger Wettbewerb um Aufmerksamkeit (Reckwitz, 2017: S.263) besteht. Die zweite Form, die heterogene Kollaboration, wird für ihn von einer Zusammenarbeit der Subjekte bestimmt. Die dritte Form bezeichnet Reckwitz als „digitale Neogemeinschaften” (ebd. S.261ff.). Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie „Wahlgemeischaften” (ebd. S.264) sind, die durch ein bestimmtes Interesse verbunden sind. Durch die Technik ist es auch für kleine, spezialisierte Gruppen möglich, Neogemeinschaften zu formen. Durch das geteilte Interesse und die Größe der Communities fühlt sich jedes Mitglied dazu angehalten, Inhalte zu produzieren. (ebd. S.265)

Spannungsfelder

Der Prozess der Singularisierung birgt laut Reckwitz aber auch Schwierigkeiten. Er erläutert fünf dieser näher. Als erstes spricht er von einen „Profilierungszwang” (ebd. S.266), einem Druck, sich zu singularisieren. Allerdings wird von der Gesellschaft bestimmt, was eine akzeptable oder nicht akzeptable Form der Singularisierung ist .(ebd. S.266f.) Er beschreibt nichtakzeptable Besonderheiten als solche, die mit Scham verbunden werden. Als zweites führt er die Gefahr der „Zementierung des Individuums” (ebd. S.268) an. Dies geschähe durch die Anpassung der Inhalte im Netz an den Benutzer, aus der nur schwer zu entkommen sei. Das dritte Spannungsfeld, das er identifiziert ist die Zerklüftung der Öffentlichkeit in Parallelgemeinschaften. (ebd. S.268f.) Dies sorge dafür, dass keine gemeinsame Basis für Diskussionen mehr bestehe. Das Fehlen einer gemeinsamen Basis könne zu einem „Freund-Feind-Denken” (ebd. S.269) eskalieren. Als viertes erwähnt er einen Drang nach Aktualität in den Medien (ebd. 269), den er an den Wettbewerb um Aufmerksamkeit anknüpft. Dies führe dazu, dass die Vergangenheit schneller vergessen würde. Das fünfte Spannungsfeld, das Reckwitz in dem Abschnitt seines Buches erläutert, ist die Prägung der sozialen Medien durch eine positive Affektivkultur. (ebd. S.270f.) Er beschreibt weiterführend, wie Negatives entweder verdrängt (ebd. S.270) oder als „kleine Schwäche“ in einen positiven Rahmen gesetzt wird (ebd. S.252). Durch das Verdrängen des Negativen in die Anonymität eskaliere es. Als Beispiel für diese Eskalation erwähnt er Cyber-Bullying und Shitstorms. (ebd. S.270)

Reckwitz bietet in seinem Werk einen umfassenden Einblick in das Selbstverständnis von Internetnutzern, aber erläutert auch die systemischen Voraussetzungen unter denen sie agieren. Seine komplexen Beobachtungen und gezielten Beschreibungen von allgegenwärtigen Phänomenen bieten einen aufschlussreichen Einblick in die Funktionen eines heutzutage vorherrschenden Mediums, in dem sich viele Nutzer wiedererkennen können.          

Links/Nachweise:

https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Reckwitz

https://www.kuwi.europa-uni.de/de/lehrstuhl/vs/kulsoz/professurinhaber/index.html

Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Suhrkamp, S. 243-272.

Riesman, David/Denney, Reuel/Glazer, Nathan (1965): Die einsame Masse: eine Untersuchung der Wandlung des amerikanischen Charakters. Hamburg: Rotwohlt.

Interaktion ohne Gegenüber: Ist das möglich?

Viviana Krajewski, Joshua Ryan Partyka, Jan Olmes, Phillipp Over

Eine gelungene kommunikative Interaktion kann nur dann erfolgen, wenn zwei menschliche Interaktionspartner an der sozialen Handlung aktiv beteiligt sind. Über Alter und Ego konstituiert sich somit also die Kommunikation: So war das bisherige soziologische Verständnis von eben dieser. Durch den technologischen Umbruch des digitalen Zeitalters jedoch, änderte sich dies drastisch, da immer mehr technische Hilfsmittel den Weg in unseren Haushalt finden und somit mehr vermeintliche Interaktion mit Smartphones und Co. stattfinden kann. Demnach agieren wir als Menschen immer öfter mit Geräten, die dabei ebenso in der Lage sind, wechselseitige Kommunikation herzustellen.
In dem Text „Interaktion ohne Gegenüber“ (S.33-49) befasst sich Ruth Ayaß genau mit dieser Auseinandersetzung und stellt sich die Frage: Zählt die kommunikative Nutzung von technischen Geräten als Interaktion? Beziehungsweise ist die Art der Wechselseitigkeit von digitalen Geräten und Menschen mit Mensch-zu-Mensch Kommunikation gleichzusetzen?

Erste Annäherung an ein digitales Face-to-Face


Für die Realisierung von digitaler Kommunikation nennt die Autorin unterschiedliche Wege. Darunter fällt z.B. die Erstellung eines Avatars, also einem humanoiden Charakter in einer virtuellen Welt, über den man mit dann anderen Avataren interagieren kann. Ebenso erfolgt immer mehr non-virtuelle Kommunikation mit Avataren in Form von Siri oder Alexa, dabei handelt es sich um computergesteuerte Sprachassistenten, die sich als stetiger Begleiter im Alltag herausgestellt haben und diesen für ihre Nutzer in vielerlei Hinsicht erleichtern. Man stellt Siri oder Alexa eine Frage und schon erhält man seine passende Antwort, also genau nach dem Prinzip einer gängigen Face-to-Face-Interaktion.
Des Weiteren greifen Medien auf vielerlei Methoden zurück, die einem persönlichen Gespräch deutlich ähneln. Beispielsweise dafür wäre eine Begrüßung in einer Nachrichtensendung wie: „Guten Abend, meine Damen und Herren”. Hierbei spricht Ruth Ayaß von parasozialen Beziehungen (S.35). Besonderes Merkmal dieser ist die auftretende Folgenlosigkeit, die sich daraus ergibt, dass Alter abwesend ist. Der Nachrichtenmoderator wendet sich also in diesem Fall direkt an den Zuschauer, ohne dass er natürlich eine Antwort erwartet, der Zuschauer denkt auch nicht daran eine zu geben, da diese auf einen bloßen Bildschirm treffen würde. Doch würde der Nachrichtensprecher ohne seine Begrüßung die Sendung einleiten, so würde der Zuschauer sich weniger adressiert fühlen, zudem würde dem Sprecher ein gewisses Maß an Sympathie genommen werden und ebenso wäre das Publikum verwirrt, da wir schließlich mit Begrüßungen rechnen als Form von Höflichkeit.
Neben dieser Technik, die Ayaß beschreibt, gibt es ebenso „anthropomorphisierende“ (vermenschlichende) Interaktion mit Geräten, bei denen man z.B. sein Auto motiviert anzuspringen, wenn dieses streikt oder man über seinen PC flucht. Wir sind so daran gewöhnt mit Menschen zu interagieren, dass wir uns auch wenn wir alleine sind mit Worten zu helfen versuchen. “Anthropomorphisierende” Interaktion bedeutet nicht, dass wir zu jedem leblosen Gegenstand eine Beziehung pflegen, wobei dies nicht ausgeschlossen werden kann, doch heißt es, dass wir in vielen Dingen einen Gegenüber suchen mit dem wir interagieren können. Schließlich können in diesem technischen Zeitalter unsere vermeintlichen Interaktionspartner auch antworten, eben z.B. wenn das Auto nach einer Panne endlich anspringt oder der PC genau das tut was wir von ihm wollen.

„Solche „anthropomorphisierende“ Interaktionen betreffen aber mehr und mehr technische Geräte. Fast jeder hat schon einmal einen technischen Gegenstand als „Gegenüber“ behandelt und zum Beispiel ein Auto zum Anspringen ermutigt.“

Ruth Ayaß

Was uns ebenfalls eine quasi Face-to-Face-Interaktion ermöglichen kann, sind Videochats oder Videokonferenzen, wobei es auch hier zu verschiedenen Problemen kommen und man aus diesem Grund nicht von einer vollkommen traditionellen Interaktion mit zwei Menschen reden kann. Zum einen kann das Gespräch durch Übertragungsverzögerungen gestört werden. Eine schlechte Internetverbindung auf der einen Seite des Gesprächs genügt und beide Sprecher reden zeitversetzt, womöglich reden sie dabei auch schon aneinander vorbei. Mit technischen Schwierigkeiten kann nicht immer gerechnet werden und somit entstehen auch wahrscheinliche Schwierigkeiten auf der Seite der Kommunikation, hierbei müssen Abbrüche von jeweiligen Sequenzen fast schon eingeplant werden. Ein weiteres Problem wäre das „eye contact dilemma“ bei dem es durch die technischen Gegebenheiten der Geräte nie zu konkretem Augenkontakt kommen kann. Schaut einer der Teilnehmer der Videokonferenz in die Augen des anderen Teilnehmers, so kann der andere keinen wirklichen Blickkontakt mit seinem Gegenüber halten. Doch schaut man, um diesem Problem zu entgehen, in die Kamera, so schaut man schließlich seinem Partner nicht mehr in die Augen. Blickkontakt wird in der Face-to-Face-Kommunikation als wichtiger Punkt angesehen. Jemand der den Blickkontakt des Anderen nicht wiedergibt kann man eher weniger als guten Interaktionspartner sehen, verschiedene Emotionen können nicht so gut gedeutet werden und ebenso wird dies als eher unhöflich betrachtet.

Entmenschlichung des Interaktionsbegriffs


Der Text von Ayaß regt dazu an, den Begriff der Interaktion genauer zu differenzieren und vor allem zu definieren. Wir denken, dass gegenwärtig über eine Entmenschlichung dieses Begriffes zumindest diskutiert werden sollte. Wie festgestellt und bereits erläutert, ist es in der modernen Gesellschaft immer häufiger zu beobachten, dass der Großteil der Interaktion durch technische Hilfsmittel erfolgt oder dass unsere Interaktionspartner in vielen Fällen sogar technische Geräte sind. Dingliche Artefakte, also technische Geräte, sollten somit als Interaktionspartner definiert werden können, da wir uns unserem Zeitalter stets anzupassen versuchen sollten und wir nicht außer Acht lassen können, dass vor mehreren Jahrzehnten nicht die Rede davon sein konnte, dass die Technik so deutliche Fortschritte vollzieht. Es muss anerkannt werden inwiefern sich der Begriff der Interaktion bzw. Kommunikation auf mehrere verschiedene Ebenen transferiert und somit auch verändert werden kann.

Was genau heißt das also?


Insgesamt lässt sich sagen, dass der Text von Ayaß den aktuellen Wandel des Interaktionsbegriffes innerhalb der modernen Soziologie zeigt. Digitale Kommunikation nähert sich immer weiter der klassischen Mensch-zu-Mensch Kommunikation an, jedoch fehlt hierbei der entscheidende Schritt, um von einer vollständigen Übereinstimmung zu sprechen, die problemlos erfolgen kann. Sie ist bisher aufgrund von verschiedenen fehlenden bzw. problemaufweisenden Faktoren nicht mit menschlicher Kommunikation gleichzusetzen – jedenfalls noch nicht.
Mit dem provokanten Titel „Interaktion ohne Gegenüber?“ versucht Ruth Ayaß eine kontroverse These aufzustellen, die aber nicht gänzlich zutreffend ist, denn schließlich gibt es einen Gegenüber, der sich in den letzten Jahren durch den technischen Fortschritt nur verändert und immer weiter angenähert hat. Das technische Gerät wird also schließlich erst durch die Interaktion zum Gegenüber, somit ist es also ein Produkt aus der jeweiligen entstehenden Handlung. (S. 46-47)


„Das Gegenüber ist genau genommen ein Produkt von interaktiven Vorgängen. Insofern gibt es keine Interaktion ohne Gegenüber.“

Ruth Ayaß
Text: Ayaß, Ruth (2005: Interaktion ohne Gegenüber? In: Jäckel, Michael/ Mai, Manfred (Hg.) Online Vergesellschaftung? Mediensoziologische Perspektiven auf neue Kommunikationstechnologien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.33-49