Archiv der Kategorie: Allgemein

Von Hatern und ‚Höhlenscheißern‘

https://images.app.goo.gl/NTRfc6aX1FHf68f38

                        Autoren: Emily Beyer, Moritz Karrer, Jako Plaß

„Ich kann nur raten das land zu verlassen denn schon bald stehen wir vor ihnen grünes dreckspack und amischlampe ihr gehört alle am nächsten baum aufgehangen.“

Kommen dir Kommentare wie diese bekannt vor? Dann hab keine Angst, denn damit bist du nicht allein und du musst nicht gleich das Land verlassen oder dich von Bäumen fernhalten.

Hasskommentare sind alltäglicher Bestandteil auf Social Media Plattformen. Konstanze Marx hat untersucht, wie Politiker*innen und andere Personen des öffentlichen Lebens mit Anfeindungen umgehen. Sie erklärt anhand von Beispielen verschiedene Strategien, Hass aus seinem feindlichen in einen veränderten und lächerlich anmutenden Kontext zu bringen.

Im Folgenden werden wir anhand von Konstanze Marxs Analysen verschiedene Positionierungsverfahren zu Hate Speech darstellen.

Mach’s wie Renate

https://m.facebook.com/renate.kuenast/photos/a.427734509050/10157008234349051/?type=3
Die Bild und Filmrechte Renate Künasts sind die einer Person des öffentlichen Lebens

Das erste Beispiel, dass die Sprachwissenschaftlerin Marx diskutiert, ist die Facebook-Seite von Renate Künast. Da die, Politikerin der Grünen, häufiger Hasskommentare erreichen, hat sie ein „Hass-Tool“ auf ihrer Facebookseite etabliert. Dort können sich potenzielle Hater*innen informieren, wie man einen gelungenen Hasskommentar schreiben kann.

„Sie wollen mir einen Hass-Kommentar schicken? Sich mal so richtig auskotzen? Vielleicht weil ich in einer Talkshow nicht das erzählt habe, was Sie hören wollten? Oder weil Ihnen meine Politik nicht passt? Oder weil Sie meine Frisur nicht mögen?

Sie wissen aber noch nicht genau, was Sie schreiben sollen? Oder Sie haben eine ausgeprägte Rechtschreibschwäche? Dann gebe ich Ihnen hier ein paar Hinweise, die Ihnen das Schreiben und mir das Lesen erleichtern.“

https://www.facebook.com/renate.kuenast/app/190322544333196/?ref=page_internal, letzter Zugriff: 25.01.2020 11:20

Sie gibt in ihrer Netiquette Vorschläge zur adäquaten Grußformel, einem angemessenen Stil, Sozialem und eventuellen Konsequenzen. Damit zeigt sie, dass Hassnachrichten generisch und selten individuell sind. Marx analysiert wie durch die (sarkastische) Rahmung Netiquette Hate Speech verharmlost wird und den Hater*innen die Möglichkeit, eine Machtposition ihr gegenüber einzunehmen, genommen wird.

Die Netiquette kannst du dir hier durchlesen:

https://www.facebook.com/renate.kuenast/app/190322544333196/

Der Lehrer*innenmove

Marx zeigt, wie Dunja Hayali, Journalistin, sich von Hater*innen distanziert, indem sie orthografische Mängel beanstandet und eine korrigierte Version der Hassbriefe veröffentlicht. So wird der*die Hater*in aus der selbst gegebenen Machtposition in die Rolle eines*r  zu belehrenden Schüler*in gesteckt und die Inkompetenz der Verfassenden öffentlich zur Schau gestellt. Laut Marx kann sie auf diese Weise den persönlichen Angriff von sich weisen und erhebt sich demonstrativ über die Verfassenden. Durch die Veröffentlichung der Briefe unter der Kategorie Lieblingshassbrief der Woche festigt sie das neugeordnete Rollengefüge und stellt sich klar über die Hater*innen.

https://m.facebook.com/DunjaHayali/posts/1006800829374417/?_rdr, letzter Zugriff: 25.01.2020 11:23Uhr

Ausschnitt der korrigierten Fassung eines Briefes an Dunja Hayali

Die Bild und Filmrechte Dunya Hayalis sind die einer Person des öffentlichen Lebens

Fraglich bleibt jedoch, ob eine solche, teils arrogant anmutende Haltung, wirklich dazu führt, dass Hate Speech Nachrichten weniger werden oder ob dies nicht dazu führt, den Hass sogar noch vergrößern.

Hey du alter Zerstörer…

Du musst ja nicht gleich ein Antwortvideo wie der liebe CDU-Politiker Phillip Amthor machen, aber die Macht eines Videos solltest du nicht unterschätzen. Eine weitere Reproduktionsform von Hate Speech analysiert Konstanze Marx anhand des Videos von der Grünen Politikerin Katrin Göring-Eckardt. Diese zeigt in besagtem Video, dass sie Hate Speech ernst nimmt und der Hass ihr nahe geht. Sie solidarisiert sich mit anderen Empfängern von Hate Speech und nutzt ihre öffentliche Reichweite, um Hasskommentare anzuklagen:

„Viele Menschen, die sich da draußen engagieren, die können das nicht und deswegen mach‘ ich das hier für all diejenigen, die sich weniger wehren können.“

https://www.youtube.com/watch?v=vdkIiKtbdVg, ab Minute 2:31, letzter Zugriff 25.01.2020 11:29

Sie verdeutlicht, dass sie sich von solchen Nachrichten nicht einschüchtern lässt, sondern in ihrem Weg bestärkt fühlt.

„Ihr kriegt mich nicht klein, dass das klar ist.“

https://www.youtube.com/watch?v=vdkIiKtbdVg, ab Minute 3:53, letzter Zugriff 25.01.2020 11:29

Konstanze Marx schlussfolgert über Katrin Göring-Eckardts Methode:

„Derartige Hass-Tiraden gegen die eigene Person öffentlich zu rezitieren, erfordert Mut und Gefasstheit. Durch das audiovisuelle Medium und die damit transportierbare Symptomfülle (Atem, Blick, Mimik, Körperhaltung) wird dieser Mut körperlich. Das Lesen ist eine performative Vorführung dessen, was behauptet wird: KGE lässt sich nicht einschüchtern und macht das sichtbar.“

          Marx, Konstanze: Rekontextualisierung von Hate Speech als Aneignungs- und    Positionierungsverfahren in Sozialen Medien, S. 141

Schau dir das Video doch einfach selbst einmal an.

Katrin Göring-Eckardt: #NoHateSpeech

Die Bild und Filmrechte Katrin Göring-Eckardts sind die einer Person des öffentlichen Lebens

Parodierend Paroli p/bieten

Neben den oben aufgeführten Methoden gibt es aber noch viele andere Möglichkeiten, Hass zu entkräften. Eine letzte Art die Marx analysiert sind so genannte Hate Poetry Slams Preisverleihungen für die dümmsten/rassistischsten Leserbriefe. Solche Inszenierungen als Satire-Shows können persönliche Verletzungen in aktiven Widerstand umwandeln. Das kollektive Lachen ist ein Zeichen von Solidarität und als Stellungnahme gegen Hetze einzuordnen.

Hass lächerlich machen? – Wir feiern’s!

Es bleibt, dennoch fraglich, ob das Problem dadurch langfristig gelöst wird oder nicht noch zu mehr Hass führt…

https://ciadosgifs.blogspot.com/2014/05/mister-bean.html

Die Bild- und Filmrechte an der Serie „Mr. Bean“ liegen bei Tiger Aspect Productions Ltd.

Wie sind deine bisherigen Erfahrungen mit Hate Speech?

Hast du Strategien mit Anfeindungen umzugehen?

Marx, Konstanze: Rekontextualisierung von Hate Speech als Aneignungs- und Positionierungsverfahren in Sozialen Medien. In: Zeitschrift für Sprachkritik und Sprachkultur, Jg. 63, Nr. 13, S. 132-147

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Empirische Untersuchungen zur Produktion von Chat-Beiträgen

Von Celine Bunge, Leonie Lauschner und Tabea Hanker

Chats als Produktionsort von Textbeiträgen

Was passiert während der Produktion von Chat-Beiträgen auf den Bildschirmen der Chat-Nutzer? Mit dieser Frage hat sich Michael Beißwenger, Professor für Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik, in empirischen Studien (etwa: Beißwenger 2010) auseinandergesetzt.

Beißwenger setzt sich dabei mit den Revisionen beziehungsweise vollständigen Löschungen von Textentwürfen während der Chatproduktion auseinander. Umfassende Beobachtungen von Prozessen der Produktionen von Textbeiträgen sollen dabei über den Produktionsverlauf Aufschluss geben. Bevor der Autor jedoch genauer auf seine empirisch erhobene Studie eingeht, beschäftigt er sich zunächst mit den Rahmenbedingungen, die bei der Produktion von Chat-Beiträgen eine zentrale Rolle spielen. Kommunizieren zwei oder mehrere Kommunikanten in einem Chat, ist von „dialogischer”, wechselseitiger Kommunikation auf medialer Schriftbasis die Rede (Beißwenger 2010: S.48). Michael Beißwenger charakterisiert Chat-Kommunikation als „kommunikative Problembearbeitung“ (Beißwenger 2010: S. 48). Er folgt hier einer Unterscheidung von Koch/Österreicher und kennzeichnet Chat-Kommunikation als medial mündlich. Beißwenger definiert Chat-Kommunikation als eine Form der medialen Schriftlichkeit (Graphizität) (ebd., S. 48). Diese ermöglicht eine zeitlich verzögerte Rezeption, und ist anders als beim Komplementärkonzept der „medialen Mündlichkeit“ nur für die Augen erfassbar.

Im Gegensatz zum gesprochenen Wort in einer Face-to-FaceInteraktion sind sprachliche Äußerungen in einem Chat gespeichert und somit jederzeit aufrufbar. Des Weiteren können Beiträge- im Gegensatz zur mündlichen Kommunikation- bis zum Versenden beliebig oft bearbeitet und teilweise oder gar vollständig revidiert werden. Im Gegensatz dazu steht die konzeptionelle Mündlichkeit. Hierbei entsteht Kommunikation spontan und ohne zeitliche Planung. Sie ist gekennzeichnet durch die „soziale Nähe“, also die Anwesenheit beider Kommunikationspartner an einem Ort und den gemeinsam besitzenden Wissensvorrat (Beißwenger 2010: S. 56).   Während die Kommunikatoren im mündlichen Gespräch unter einem gewissen Zeitdruck stehen, erfolgt die Produktion von Chatbeiträgen entspannter. Hierbei kann sich die Planung und Überarbeitung der Nachricht über einen längeren Zeitraum erstrecken. Entsprechend der spezifischen kommunikativen Rahmenbedingungen kann aber auch die Sprachproduktion in der Chat-Kommunikation „zeitlichen Kommunikationsdruck annehmen“ (Beißwenger 2010: S.56). Durch diesen Druck werden in einem Chat sowohl Tippfehler als auch Verzicht auf Zeichensetzung und Groß- und Kleinschreibung toleriert, da man einen Chatbeitrag so schnell wie möglich produzieren möchte, damit Chatpartner nicht lange auf eine Antwort warten müssen. Des Weiteren werden Änderungen oder Korrekturen in Chat-Verläufen sowohl beim Entstehen eines Chatbeitrages als auch beim erneuten Überschauen des entstandenen Textes berücksichtigt (Beißwenger 2010: S.56).


Revisionen und Löschungen im Gesprächsverlauf

(1)

Zum Veranschaulichen der Löschungen und Revisionen in Chat-Beiträgen hat Beißwenger ein Beispiel eines Transkriptes von einem Chatverlauf beigefügt, in dem das Schriftliche, die Zeit, die Aktivitäten des Schreibenden und seine Anmerkungen notiert sind. Das Transkript zeigt an, inwiefern ein Chatproduzent handelt, wenn er mit anderen Chatteilnehmern im Gespräch ist, was dabei berücksichtigt wird und welche Aktionen vorkommen, bis ein fertiger Chatbeitrag abgeschickt wird. Dazu zählen beispielsweise das Korrigieren von Fehlern, das Verfolgen des Chatverlaufes, das Korrigieren einer Nachricht oder das Hinzufügen von Text (Beißwenger 2010: S.57-62). In einem anderen Fall zeigt Beißwenger, wie oft nachträgliche Revisionen, direkte Revisionen und Revisionen insgesamt vorgenommen wurden. Dabei stellt der Professor für Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik fest, dass nachträgliche Löschungen auffallend häufig vorkommen (Beißwenger 2010: S.64). Ein anderes Merkmal, welches das Produzieren von Chatbeiträgen aufweist, ist, dass Chatteilnehmer immer versuchen ihre eigenen Beiträge so zu überarbeiten, dass der Ist-Zustand und der Soll-Zustand übereinstimmen. Dabei ist der Ist-Zustand der Zustand, in welchem sich der Text zur Zeit des Entstehens befindet, also der Entwurf der Nachricht mit noch vorhandenen Fehlern oder ähnlichem. Der Soll-Zustand ist demnach der Zustand, in dem der Text bearbeitet und zum Abschicken fertig sein muss. Der Unterschied zwischen digitaler und analoger Kommunikation ist, dass der Gesprächsteilnehmer bei der digitalen Kommunikation den Chatverlauf konstant visuell einem Monitoring unterziehen muss (Beißwenger 2010: S. 65). Dadurch läuft das Ausüben von Rezipieren und Produzieren nicht parallel, sondern alternierend, da ein Produzent den Chatverlauf nicht ständig beobachten kann. Durch das Unterbrechen dieser Beobachtung kann eine Divergenz zwischen mental repräsentierter Diskursstruktur und der Beitragsabfolge entstehen (Beißwenger 2010: S.66).


 Kooperation und Handlungsplanung in der Chatproduktion

Darüber hinaus sind Teilnehmer von Chats ebenso um Kooperation bemüht wie Teilnehmer an einem mündlichen Gespräch. Um zu untersuchen, inwiefern eine Handlungsplanung in Chats abläuft und wie sich diese mit einer solchen Kooperationsbemühung vereinbaren lässt, hat sich Beißwenger mit dem Zusammenhang von Blickrichtungsverhalten und der ausgeführten Handlung, ob Produktion (Texteingabe) oder Deletion (Textlöschung), beschäftigt. Dabei zeigte sich, dass die Beobachtung des Chatverlaufes die Kooperation unter anderem so beeinflusste, dass Textbeiträge wieder vollständig gelöscht wurden. Dies lässt sich beispielsweise dadurch erklären, dass ein neuer Partnerbeitrag den eigenen überflüssig macht, indem er eine Frage vorzeitig beantwortet oder ein neues Thema einleitet. Somit ist anzunehmen, dass die Gesprächsteilnehmer bemüht sind, durch kooperatives Verhalten die Ordnung in der Konversation aufrechtzuerhalten, indem eine inhaltliche Kohärenz sowie Äußerungen hergestellt und Äußerungen des anderen nicht übergangen werden.


Beißwenger Fazit

Als Fazit hält Beißwenger fest, dass sich Chats auf der Handlungsebene nicht allzu stark vom Mündlichen unterscheiden, da die beiden Handlungen sowie entsprechende Folgehandlungen kooperativ realisiert werden. Chats sind jedoch durch technische Rahmenbedingungen teils beschränkt in ihren Kooperationsmöglichkeiten, was zu einer oberflächlichen Änderung der Gesprächsstruktur führt. Laut Beißwenger ist der Unterschied zwischen Chats und mündlicher Interaktion also, „dass aufgrund unterschiedlicher Rahmenbedingungen (…) die lokale Aushandlung einer linearen Äußerungsabfolge zur Laufzeit nicht möglich ist” (Beißwenger 2010: S.74). Die Partner kreieren somit zwar synchron eine Handlungssequenz, jedoch knüpfen sie häufig aufgrund fehlender Simultaneität zur selben Zeit an unterschiedlichen Punkten an (Beißwenger 2010: S.74-75). Daran zeigt sich, dass in Chatverläufen die Handlungsplanung mehr mit dem beobachteten Stand des Bildschirmprotokolls koordiniert wird als mit dem tatsächlichen Gesprächspartner. Dies ist auch der Grund, warum die Handlungsplanung in Chats häufig geändert oder sogar ganz verworfen werden kann, wenn beispielsweise eine Deletion stattfindet oder Rückbezug auf vorher unbeantwortete Partnerbeiträge genommen wird (Beißwenger 2010: S.77).

Abschließendes Fazit

„Kommunikation“ – in schriftlicher und mündlicher Form – hat in den letzten Jahren unter anderem durch Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp eine enorme Veränderung erlebt. Einen ersten Ansatz zur Unterscheidung der Kommunikationsformen liefert der von Beißwenger genannte Ansatz von Koch und Österreicher (Beißwenger 2010: S.48). Die von Beißwenger durchgeführte empirische Untersuchung liefert erste interessante Einblicke und Erkenntnisse in die Revisionen von Chat-Beiträgen, jedoch erfahren wir nicht, welche Intentionen hinter den Revisionen liegen. Wieso schicken wir die zunächst eingetippte Nachricht nicht ab? Befürchten wir, dass unser Chatpartner die Nachricht womöglich falsch verstehen könnte? Die Art und der Umfang der Untersuchung Beißwengers kann in seinem Werk nicht näher bestimmt werden. Deshalb lässt sich nicht explizit bestimmen, welche Aspekte der Germanist noch weiter empirisch erforscht hat. Dennoch könnten diese Aspekte-nach Bedarf- in einer weiteren empirischen Untersuchung fokussiert im Mittelpunkt stehen und die Ergebnisse von Beißwengers empirischer Studie unterstützen.


Quellen:

Text: Beißwenger, Michael (2010): Medienwandel als Wandel von Interaktionformen. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.

Bilder:

https://pixabay.com/de/photos/whatsapp-smartphone-handy-1706477/

(1) https://pixabay.com/de/vectors/cartoon-handy-chat-comic-1300224/

Mummy Blogs und der Einfluss ihrer Leser

von Iveta Ivanova, Jiayu Zhong, Laura Fischer, Tabea Thiele

Blogger Mütter, die alles über ihr Leben mit ihren Kindern in der Öffentlichkeit preisgeben, unterscheiden sich manchmal von dem traditionellen Bild der Mutter, das der Leser kennt. Der Blog als ein soziales Netzwerk bietet eine bunte Plattform an, auf der jeden Tag Mutter-Kinder-Theaterstücke aufgeführt werden. Diese Plattform bietet auch eine Transparenz an, die eine soziale Überwachung durch den Leser legitimiert. Er kann Beiträge, die er interessant findet oder für umstritten hält, kommentieren und weiterleiten. Dadurch können die Blogger Mütter Unterstützung erhalten oder Opfer von Hassreden werden.

Konfessionelles Bloggen nach Kate Orton-Johnson

Kate Orton-Johnson ist eine Dozentin für Soziologie an der School of Social and Political Science der University of Edinburgh. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt auf den Schnittstellen von Technologie, Kultur und Alltag. Sie befasst sich in diesen Bereichen u.a. mit der digitalen Kultur, digitaler Ethnographie, Blogging und vermittelter Elternschaft, sozialen Medien und digitalen Methoden.
In dem Artikel „Mummy Blogs and Representations of Motherhood: ‚Bad Mummies‘ and ‚Their Readers‘ ”aus dem Jahr 2017 befasst sich Kate Orton-Johnson mit der Darstellung der Mutterschaft auf Mummy Blogs und der damit verbundenen sozialen Überwachung durch die Leser. Schwerpunkt sind die Leserreaktionen auf „bad“ und „slummy” mummies.

„[…] confessional blogging of the „bad“ or „slummy“ mummy : blogs that share stories of boredom, frustration, and maternal deficieny while relishing the subversive status of the bad mummy “ (K. Orton-Johnson 2017: 2)

„Yummy” oder „Slummy” Mummy?

Sie, die „guten“ Mütter stehen für das Idealbild, dass durch sexuelle Attraktivität und Glamour geprägt ist. Den Kontrast zu Diesen stellen die „schlechten“ Mütter dar, die als sich gehen lassend gelten und dadurch träge und unfeminin wirken (Vgl. Goodwin & Huppatz, 2010, 85). Diese Unterscheidung führt zwangsläufig zu Be- und Verurteilungen von Müttern im sozialen und kulturellen Kontext, die das Privatleben beeinflussen können. Mütter stehen vor der Frage zu welchem Typ sie gehören. Die Einordnung in eine dieser Kategorien, betont meist nur eine Eigenschaft, die diese Person besitzt und alle anderen bleiben verborgen. Frauen sind nicht einfach Mütter, sondern Personen mit einem eigenen Leben, eigenen Interessen und Verantwortungen, weshalb die Zuordnung in „yummy mummy“ und „slummy mummy“ nichts über die Person an sich aussagt.

Datensammlung der Leserreaktion auf „slummy“ Mummy Blogs

Da die Online-Darstellungen der Mutterschaft auf Mummy Blogs am besten von Frauen beurteilt werden können, die diese Blogs regelmäßig lesen, wurden innerhalb von 2 Jahren (2014-2016) 32 jeweils 45 minütige Interviews mit Leserinnen durchgeführt, die entweder in einer direkten Face-to-Face Interaktion oder via Skype stattfanden.
Alle Teilnehmerinnen waren 28 bis 45 Jahre alt und hatten ihren Wohnsitz in Großbritannien, den USA oder Australien. Zur genauen Analyse wurden alle Interviews im weiteren Verlauf der Studie transkribiert.
Es zeigte sich, dass Blogs, die von Humor und von einem konfessionellen Ton geprägt sind, ein besonderes Interesse bei den Leserinnen hervorrief. Diese thematisieren mütterliches Versagen, Selbstentwertung und Geschichten über unangenehme Situationen im Familienleben.
Der Blog „Eeh bah Mum“ von der 40-jährigen verheirateten Britin Kirsty Smith, die Mutter von zwei Kindern ist, erfüllt diese Kriterien. Er kam aufgrund seiner Darstellung in den Interviews mehrfach zur Sprache und wurde hier von Kate Orton-Johnson als Forschungsgrundlage herangezogen.

„The internet is forever – in ten years, when their kids find these posts and read the names their parents called them, I doubt they’ll say, ‚It’s okay, Mom. I’m sure it got you a lot of pageviews“ (Gottlieb, 2015)

Die Widersprüchlichkeit sozialer Überwachung: Was soll man in den Mummy Blogs teilen?

Mummy Blogs, als eine öffentliche online Plattform, geben sowohl den Bloggern als auch ihren Lesern die Chance gehört zu werden. Durch die entstehende Wechselwirkung entsteht die Möglichkeit die allgemeine kulturelle offline Darstellung von Müttern zu verändern. Jedoch könnten Texte und Kommentare, in denen die Mütter ihre negativen Erfahrungen beschreiben, sowohl die Kinder und als auch die Beziehung zwischen Mutter und Kind verletzen.
Eine Probandin, Jessica, sagte im Interview, dass keine moralische Kritik über die Privatsphäre der Kinder geäußert wird, wenn ein glückliches und positives Familienbild online gestellt wird. Genau so wird Kritik durch Leserinnen meist nur dann geäußert, wenn es zu einer Abweichung von der allgemeinen kulturellen Darstellung einer guten Mutterschaft kommt. Beispielweise nennt eine Bloggerin, wie im Text beschrieben wurde, ihren Sohn ein Arschloch. Sie wurde deswegen von Bloggerinnen als eine schlechte Mutter tituliert.
Was sollte man also in den Mummy Blogs posten und wo wird eine Grenze gesetzt? Die Leser von Mummy Blogs erwarten Geschichten, die authentische, frustrierende Erfahrungen von einer Mutter mit ihrem Kind beinhalten, aber zugleich, wegen der Unsicherheit der öffentlichen digitalen Daten der Kinder, ethisch korrekt sind. Bei Mummy Blogs handelt es sich um das Leben von Müttern und deren Kindern, wobei nur die Mütter allein entscheiden wo sie die Grenze ihrer Privatsphäre ziehen oder wann sie diese überschreiten wollen. Bedenken sollten sie aber immer, dass sie keine Kontrolle über die Reaktionen und Kommentare der Leser haben, die ebenfalls für immer gespeichert werden. Um die Ethik der Mummy Blogs und generell der online Beiträge definieren zu können, wäre eine weiterführende Forschung und Diskussion nötig.

Quellen:

Infos über Kate Orton-Johnson: http://www.sps.ed.ac.uk/staff/sociology/orton_johnson_kate
Quelle des Fotos: https://pixabay.com/de/vectors/disziplin-w%C3%BCtend-frau-mutter-4145087/

Literatur:

Goodwin, S., & Huppatz, K. (2010). Mothers making class distinctions: The aesthetics of maternity. In The Good Mother: Contemporary Motherhoods in Australia (pp. 69–88). Sydney: Sydney University Press.

GottLieb, J. (2015): You’re kind of a bitch of a mom blogger. http://jessicagottlieb.com/2015/03/bitch-mom-blogger/

Orton-Johnson, Kate (2017): Mummy Blogs and Representations of Motherhood: “Bad
Mummies” and Their Readers. In: Social Media & Society. 3 (2),
https://doi.org/10.1177%2F2056305117707186.

Bildquelle:

https://pixabay.com/de/vectors/disziplin-w%C3%BCtend-frau-mutter-4145087/

Das ungeahnte Potenzial digital vermittelter Kommunikation

Ein Lektüreprotokoll des Aufsatzes Mediatisierung und Medialität in Social Media das Diskurssystem „Twitter“ von Mark Dang-Anh, Jessica Einspänner und Caja Thimm

von Camille Rose, Laura Wegner und Philip Ronden

1. Einleitende Bemerkungen

Die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit digital vermittelten Kommunikationsformen birgt gemäß Dang-Anh et al. (2013) ein großes Potenzial, welches Erkenntnisse und Rückschlüsse auf diskursspezifische Phänomene und sozial-kulturelle Praktiken ermöglicht, die sich wiederum im sprachlichen Mediengebrauch manifestieren (ebd.: 68f.). Digitale Kommunikation kann durch eine solche interdisziplinäre Forschung zutreffender beschrieben und genauer erfasst werden.

Die interdisziplinären „Bezugspunkte“ zwischen der Sprach-, Kommunikations- und Medienwissenschaft (welche sich aus der „Medialität der Sprache“ und der „zunehmende(n) Mediatisierung der Kommunikation“ ergeben) sollen, laut Dang-Anh et al. im Rahmen wissenschaftlicher Auseinandersetzung analysiert werden. Wie dies genau geschieht, veranschaulichen die Autor*innen anhand des Microbloggingsystems Twitter.

2. Das Verhältnis Medien und Sprachforschung

Digitale Verbreitungsmedien in jeglicher Form sind in unserem Alltag mittlerweile selbstverständlich und scheinen unentbehrlich geworden zu sein. Innerhalb der Forschung vollzog und vollzieht sich immer noch ein Wandel, der das Gebiet der Digitalisierung und Social-Media-Plattformen betrifft. Sprach- und Medienforschung wurde lange ein gegensätzliches, beziehungsweise den Gebieten sehr eigenständiges Forschungsinteresse, nachgesagt. Kommunikation und Sprache waren keine selbstverständliche Einheit in der wissenschaftlichen Betrachtung, eher wurde beides getrennt analysiert.

Das Konzept der Mediatisierung gilt in der deutschen Forschung als ein grundlegendes Modell zur Beschreibung und Erklärung sozialer Medien wie Twitter oder Facebook auf interdisziplinärer Basis (bd.: 71). Eine weiterer Fundierungsansatz der modernen Sozialwissenschaft ist die Theorie der Medialität. Auch sie kann dazu beitragen, „Zusammenhänge zwischen sprachlichen und gesellschaftlich-kulturellen Prozessen“ (ebd.: 70) zu verstehen. Das Medium wird jedoch nicht nur als bloßer Mittler verstanden. Sogenannte „Prägkräfte der Medien“ (Hepp zit. n. ebd.: 84) bilden sich heraus, welche im Prozess der Medienkommunikation ebendiese verändern (ebd.: 75).

3. Das Verhältnis von Mediatisierung, Medialität und deren Prägkräften am Beispiel des Microbloggingsystems Twitter

Twitter als soziales Netzwerk

Spätestens seit Donald Trump erlangt Twitter wieder größere Aufmerksamkeit, insbesondere in der politischen Kommunikation. Bei dem Microbloggingdienst handelt es sich um eine Plattform zur Kommunikation. Jedoch ist die Zeichenzahl der Posts, genannt Tweets, begrenzt. Die magische Zahl war lange Zeit die 140, diese ist 2017 jedoch auf 280 Zeichen angehoben worden. Ob diese Änderung dennoch der Aussage entspricht, dass die Beschränkung der Zeichenmenge zu einer sprachökonomischen Verwendung führe, müsste nun genauer untersucht werden. Fest steht aber in jedem Fall, dass so eine Art der Begrenzung in fast keinem anderen Social-Media-Netzwerk auftritt und dass diese Beschränkung in Verbindung mit der „Ad-hoc-Berichterstattung“, in Form von Fotos und Videos, Twitter zu einem sehr dynamischen Netzwerk macht (ebd.: 78f.). Wie im Blogbeitrag Die Singularisierung der spätmodernen Gesellschaft bereits aufgezeigt wurde, spielt des Weiteren eine Aufmerksamkeitslenkung in der digitalen Welt eine zentrale Rolle. So bekommen nur wenige User eine besonders große Aufmerksamkeit, während der Großteil eher weniger erhält.

Diskursmodell Twitter

Wendet man sich nun Twitter als einem Diskurssystem zu, differenzieren Dang-Anh et al. drei Ebenen, um die Komplexität des Phänomens zu bestimmen:

  1. Operatorenebene: programmdeterminierte, systembestimmte Zeichenkodierung
  2. Textebene: propositionaler Gehalt, Aussageebene, Inhalte der Tweets
  3. Performativ-funktionale Ebene: Handlungsziele und Handlungszwecke

Um dies zu veranschaulichen, weisen Dang-Anh et al. auf das Operatorenmodell von Thimm et al. 2011 hin, welches die für Twitter charakteristischen Kommunikationsoperatoren @, #, http:// und RT („Retweet“) und die damit zusammenhängenden Funktionen darstellt (vgl. Abb. 1).


Abb. 1: Ebenen der Twitter-Kommunikation, (Dang-Anh et al. 2013: 80)

Das @-Zeichen und das Hashtag werden im Folgenden ausführlicher erläutert.

@-Zeichen

Meist wird der @-Operator verwendet, wenn User miteinander sprechen (Adressierung) oder wenn sie übereinander reden (Erwähnung). Die jeweiligen durch @ markierten Accounts werden zudem verlinkt und die Adressaten erhalten eine Benachrichtigung. Das Wissen darüber, dass die genannte Person dadurch auf den Tweet aufmerksam werden kann, kann einerseits ein Zeichen für „transparente und faire Kommunikationskultur sein“, andererseits für die „Verstärkung von Diffamierungen, Bedrohungen und Beleidigungen“ stehen (Dang-Anh et al. 2013: 83). Der Account wird zudem oft grammatikalisch in den Satz eingebaut.

Des Weiteren wird eine Kohärenz generiert, da die Tweets durch die Verlinkungen technisch miteinander verbunden sind und die Interaktionssequenzen für Dritte nachvollziehbar sind. Auch handelt es sich bei der Interaktion nicht zwingend um eine dialogische Form, da sie beliebig viele Teilnehmer umfassen kann, deren Adressierungen zudem nicht zwingend zu einer Interaktion auffordern müssen. So ist das Ziel häufig die Verbreitung von Information, was zudem oft durch Hyperlinks unterstützt wird.

Hashtags (#)

Geht einer Zeichenketten ein Hashtag voraus, dann wird dieser Vorgang als „Tagging“ oder „Indexierung“ bezeichnet (ebd.: 83). Die Zeichenkette wird ebenfalls bei Twitter verlinkt, sodass man nach allen Tweets suchen kann, die diesen Hashtag beinhalten. Dies bewirkt eine Strukturierung und Themenfindung innerhalb des Diskurses und führt zu „Ad-Hoc-Öffentlichkeiten, die sich kurzfristig und temporär um bestimmte Hashtags bilden (ebd.: 84).

Getaggt werden dabei einerseits einzelne Wörter innerhalb eines Satzgefüges oder die Tags erfolgen am Ende der Aussage. Auch werden häufig Abkürzungen verwendet, welche spezifisch für singuläre Ereignisse und Veranstaltungen gebildet werden. Doch nicht immer müssen sie eine direkte Indexierungsfunktion aufweisen. So kann es sich auch um „kommunikativ-funktionale Verschlagwortung“ (ebd.: 85) handeln. Diese dienen der Kontextualisierung, mit häufig expressiver Funktion. Beispielsweise weist das Hashtag „#fail“ nicht zwingend darauf hin, dass es noch andere Tweets mit diesem Hashtag gibt, sondern soll die Aussage an sich unterstreichen. Dies zeigt, dass Tweets häufig Bestandteil eines „komplexen thematischen Diskurses“ sind, welcher sich zudem zu einem „hochkomplexe[n] Referenzierungssystem“ entwickelt (ebd.: 80).

Ein Fazit

Nachvollziehbar erläutern Dang-Anh et al. die Bedeutung der interdisziplinären Auseinandersetzung mit dem sprachlichen Mediengebrauch und den Sozialen Medien anhand der Sprach-, Medien-, und Kommunikationswissenschaft. In Anbetracht des heutigen gesellschaftlichen Stellenwertes digital vermittelten, öffentlichen Diskurses, begründet sich die Notwendigkeit, die sprachlich-kommunikativen Prozesse in Social Media als kulturelle und soziale Praktiken aufzufassen und zu untersuchen.

Diese Bedeutung haben Dang-Anh et al. bereits vor dem Jahre 2013 erkannt. Seither hat die interdisziplinäre Auseinandersetzung mit digital vermittelten Kommunikationsformen an Relevanz weiter zugenommen. Nun ist es an der Zeit, von dem Erkenntnispotenzial und der Quelle neuer Ausgangspunkte möglicher Fragestellungen zu profitieren. 

Nachweise/Links:

Dang-Anh, Mark; Einspänner, Jessica; Thimm, Caja (2013): Mediatisierung und Medialität in Social Media: Das Diskurssystem „Twitter“. In: Konstanze Marx und Monika Schwarz-Friesel (Hg.): Sprache und Kommunikation im technischen Zeitalter. Wieviel Internet (v)erträgt unsere Gesellschaft? Berlin, Boston: de Gruyter, S. 68–91.

Titelbild: twitter-bildkomposition_titelbild, eigene Darstellung; Bildkomponenten: https://pixabay.com/de/photos/twitter-bildschirm-soziale-telefon-1795652/ (aufgerufen: 08.01.20) und https://pixabay.com/de/vectors/twitter-tweet-vogel-lustig-117595/ (aufgerufen: 08.01.20).

Interaktion ohne Gegenüber: Ist das möglich?

Viviana Krajewski, Joshua Ryan Partyka, Jan Olmes, Phillipp Over

Eine gelungene kommunikative Interaktion kann nur dann erfolgen, wenn zwei menschliche Interaktionspartner an der sozialen Handlung aktiv beteiligt sind. Über Alter und Ego konstituiert sich somit also die Kommunikation: So war das bisherige soziologische Verständnis von eben dieser. Durch den technologischen Umbruch des digitalen Zeitalters jedoch, änderte sich dies drastisch, da immer mehr technische Hilfsmittel den Weg in unseren Haushalt finden und somit mehr vermeintliche Interaktion mit Smartphones und Co. stattfinden kann. Demnach agieren wir als Menschen immer öfter mit Geräten, die dabei ebenso in der Lage sind, wechselseitige Kommunikation herzustellen.
In dem Text „Interaktion ohne Gegenüber“ (S.33-49) befasst sich Ruth Ayaß genau mit dieser Auseinandersetzung und stellt sich die Frage: Zählt die kommunikative Nutzung von technischen Geräten als Interaktion? Beziehungsweise ist die Art der Wechselseitigkeit von digitalen Geräten und Menschen mit Mensch-zu-Mensch Kommunikation gleichzusetzen?

Erste Annäherung an ein digitales Face-to-Face


Für die Realisierung von digitaler Kommunikation nennt die Autorin unterschiedliche Wege. Darunter fällt z.B. die Erstellung eines Avatars, also einem humanoiden Charakter in einer virtuellen Welt, über den man mit dann anderen Avataren interagieren kann. Ebenso erfolgt immer mehr non-virtuelle Kommunikation mit Avataren in Form von Siri oder Alexa, dabei handelt es sich um computergesteuerte Sprachassistenten, die sich als stetiger Begleiter im Alltag herausgestellt haben und diesen für ihre Nutzer in vielerlei Hinsicht erleichtern. Man stellt Siri oder Alexa eine Frage und schon erhält man seine passende Antwort, also genau nach dem Prinzip einer gängigen Face-to-Face-Interaktion.
Des Weiteren greifen Medien auf vielerlei Methoden zurück, die einem persönlichen Gespräch deutlich ähneln. Beispielsweise dafür wäre eine Begrüßung in einer Nachrichtensendung wie: „Guten Abend, meine Damen und Herren”. Hierbei spricht Ruth Ayaß von parasozialen Beziehungen (S.35). Besonderes Merkmal dieser ist die auftretende Folgenlosigkeit, die sich daraus ergibt, dass Alter abwesend ist. Der Nachrichtenmoderator wendet sich also in diesem Fall direkt an den Zuschauer, ohne dass er natürlich eine Antwort erwartet, der Zuschauer denkt auch nicht daran eine zu geben, da diese auf einen bloßen Bildschirm treffen würde. Doch würde der Nachrichtensprecher ohne seine Begrüßung die Sendung einleiten, so würde der Zuschauer sich weniger adressiert fühlen, zudem würde dem Sprecher ein gewisses Maß an Sympathie genommen werden und ebenso wäre das Publikum verwirrt, da wir schließlich mit Begrüßungen rechnen als Form von Höflichkeit.
Neben dieser Technik, die Ayaß beschreibt, gibt es ebenso „anthropomorphisierende“ (vermenschlichende) Interaktion mit Geräten, bei denen man z.B. sein Auto motiviert anzuspringen, wenn dieses streikt oder man über seinen PC flucht. Wir sind so daran gewöhnt mit Menschen zu interagieren, dass wir uns auch wenn wir alleine sind mit Worten zu helfen versuchen. “Anthropomorphisierende” Interaktion bedeutet nicht, dass wir zu jedem leblosen Gegenstand eine Beziehung pflegen, wobei dies nicht ausgeschlossen werden kann, doch heißt es, dass wir in vielen Dingen einen Gegenüber suchen mit dem wir interagieren können. Schließlich können in diesem technischen Zeitalter unsere vermeintlichen Interaktionspartner auch antworten, eben z.B. wenn das Auto nach einer Panne endlich anspringt oder der PC genau das tut was wir von ihm wollen.

„Solche „anthropomorphisierende“ Interaktionen betreffen aber mehr und mehr technische Geräte. Fast jeder hat schon einmal einen technischen Gegenstand als „Gegenüber“ behandelt und zum Beispiel ein Auto zum Anspringen ermutigt.“

Ruth Ayaß

Was uns ebenfalls eine quasi Face-to-Face-Interaktion ermöglichen kann, sind Videochats oder Videokonferenzen, wobei es auch hier zu verschiedenen Problemen kommen und man aus diesem Grund nicht von einer vollkommen traditionellen Interaktion mit zwei Menschen reden kann. Zum einen kann das Gespräch durch Übertragungsverzögerungen gestört werden. Eine schlechte Internetverbindung auf der einen Seite des Gesprächs genügt und beide Sprecher reden zeitversetzt, womöglich reden sie dabei auch schon aneinander vorbei. Mit technischen Schwierigkeiten kann nicht immer gerechnet werden und somit entstehen auch wahrscheinliche Schwierigkeiten auf der Seite der Kommunikation, hierbei müssen Abbrüche von jeweiligen Sequenzen fast schon eingeplant werden. Ein weiteres Problem wäre das „eye contact dilemma“ bei dem es durch die technischen Gegebenheiten der Geräte nie zu konkretem Augenkontakt kommen kann. Schaut einer der Teilnehmer der Videokonferenz in die Augen des anderen Teilnehmers, so kann der andere keinen wirklichen Blickkontakt mit seinem Gegenüber halten. Doch schaut man, um diesem Problem zu entgehen, in die Kamera, so schaut man schließlich seinem Partner nicht mehr in die Augen. Blickkontakt wird in der Face-to-Face-Kommunikation als wichtiger Punkt angesehen. Jemand der den Blickkontakt des Anderen nicht wiedergibt kann man eher weniger als guten Interaktionspartner sehen, verschiedene Emotionen können nicht so gut gedeutet werden und ebenso wird dies als eher unhöflich betrachtet.

Entmenschlichung des Interaktionsbegriffs


Der Text von Ayaß regt dazu an, den Begriff der Interaktion genauer zu differenzieren und vor allem zu definieren. Wir denken, dass gegenwärtig über eine Entmenschlichung dieses Begriffes zumindest diskutiert werden sollte. Wie festgestellt und bereits erläutert, ist es in der modernen Gesellschaft immer häufiger zu beobachten, dass der Großteil der Interaktion durch technische Hilfsmittel erfolgt oder dass unsere Interaktionspartner in vielen Fällen sogar technische Geräte sind. Dingliche Artefakte, also technische Geräte, sollten somit als Interaktionspartner definiert werden können, da wir uns unserem Zeitalter stets anzupassen versuchen sollten und wir nicht außer Acht lassen können, dass vor mehreren Jahrzehnten nicht die Rede davon sein konnte, dass die Technik so deutliche Fortschritte vollzieht. Es muss anerkannt werden inwiefern sich der Begriff der Interaktion bzw. Kommunikation auf mehrere verschiedene Ebenen transferiert und somit auch verändert werden kann.

Was genau heißt das also?


Insgesamt lässt sich sagen, dass der Text von Ayaß den aktuellen Wandel des Interaktionsbegriffes innerhalb der modernen Soziologie zeigt. Digitale Kommunikation nähert sich immer weiter der klassischen Mensch-zu-Mensch Kommunikation an, jedoch fehlt hierbei der entscheidende Schritt, um von einer vollständigen Übereinstimmung zu sprechen, die problemlos erfolgen kann. Sie ist bisher aufgrund von verschiedenen fehlenden bzw. problemaufweisenden Faktoren nicht mit menschlicher Kommunikation gleichzusetzen – jedenfalls noch nicht.
Mit dem provokanten Titel „Interaktion ohne Gegenüber?“ versucht Ruth Ayaß eine kontroverse These aufzustellen, die aber nicht gänzlich zutreffend ist, denn schließlich gibt es einen Gegenüber, der sich in den letzten Jahren durch den technischen Fortschritt nur verändert und immer weiter angenähert hat. Das technische Gerät wird also schließlich erst durch die Interaktion zum Gegenüber, somit ist es also ein Produkt aus der jeweiligen entstehenden Handlung. (S. 46-47)


„Das Gegenüber ist genau genommen ein Produkt von interaktiven Vorgängen. Insofern gibt es keine Interaktion ohne Gegenüber.“

Ruth Ayaß
Text: Ayaß, Ruth (2005: Interaktion ohne Gegenüber? In: Jäckel, Michael/ Mai, Manfred (Hg.) Online Vergesellschaftung? Mediensoziologische Perspektiven auf neue Kommunikationstechnologien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, S.33-49

Vom Anfang…

Am Anfang war das Wort. Dann kam die Schrift, dann der Buchdruck und schließlich die maschinelle Verarbeitung diskreter Zeichen. So wird gemeinhin der Medienwandel hin zur Digitalisierung beschrieben. Dabei werden diese Veränderungen nicht nur als rein technologischer oder medialer, sondern auch als gesellschaftlicher Wandel gefasst. Die sogenannte „Digitalisierung“ gilt dabei als umfassender Transformationsimpuls für die Gegenwartsgesellschaft, indem auch die kulturellen und sozialen Verhältnisse maßgeblich verändert werden. Ein maßgeblicher Anteil an diesem Wandel wird digitalisierten Kommunikationspraktiken zugeschrieben. Digitale Möglichkeiten der Informationsübermittlung, die Erweiterung sowie die Fokussierung potenzieller Interaktionspartner*innen und schließlich die Differenzierung der Kommunikationsformen führen sowohl zu neuen Arten und Weisen der Vergemeinschaftung als auch zu Neuverhandlungen gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten; etwa was das Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit anbetrifft. Wir haben uns daher im Seminar die Aufgabe gesetzt, Praktiken digitaler Kommunikation genauer unter die Lupe zu nehmen. 

Ziel des Seminars

Das Ziel in diesem Bachelorseminar im Fach Kommunikationswissenschaft besteht darin, die Funktion und Leistung von Praktiken digitaler Kommunikation zu bestimmen als auch darin, eine kritische Einschätzung ihrer Chancen und Zumutungen zu geben. Entsprechend gilt es, einen begrifflich reflektierten und analytisch distanzierten Blick auf die Omnipräsenz des Digitalen in unserem Alltag zu eröffnen.

„Establishing the phenomenon“ (Merton)

Das Seminar ist dazu in zwei Abschnitte untergliedert: In einem ersten Teil des Seminars wird Begriffsarbeit geleistet, die zugleich Phänomenarbeit ist. Indem soziologische und kulturtheoretische Texte von Dirk Baecker („4.0 oder die Lücke, die der Rechner lässt“), Felix Stalder („Die Kultur der Digitalität“) und Andreas Reckwitz („Singularitäten“) zum Phänomenbereich Digitalisierung gelesen werden, soll die gesellschaftliche Spezifität des – für zumindest die Teilnehmenden des Seminars – selbstverständlichen Vollzugs digitaler Kommunikation deutlicher werden. Dabei geht es gleichermaßen um die Brüche, die die modernisierungstheoretischen Texte identifizieren sowie um die Kontinuitäten sozialer Praxis und Diskurse aus pre-digitalen Zeiten. 

„What the hell is going on here“ (Geertz)

Der zweite Teil des Seminars widmet sich einzelnen Fallstudien. Eine Einstimmung ins Thema gibt die kommunikationstheoretische Auseinandersetzung von Ruth Ayaß zur irritierenden Frage, inwiefern Interaktionen ohne Gegenüber begrifflich und im Anschluss daran auch empirisch zu fassen sind. Die folgenden Seminarinhalte wurden in Absprache mit den Studierenden festgelegt: Wir diskutieren Texte zur Gesprächsorganisation von Chatbeiträgen (Beißwenger), zum Diskurssystem Twitter (Dang-Anh/Einspänner/Thimm) und internen Differenzierungen (Paßmann/Boeschoten/Schäfer) und zur Identitätsarbeit in Weblogs (Orton-Johnson). In der Mitte des Seminars wird Valentin Janda im Rahmen eines Gastvortrags einen Einblick in die empirische Erforschung digital vermittelter Kommunikation geben. Dem folgen Texte zur visuellen Ästhetik von Instagram (Gunkel), der Verschiebung von Öffentlichkeiten (Wagner), der Struktur von Kommunikationen in Dating-Apps wie Grindr (Licoppe et al.) oder Tinder (N.N.) sowie zu Hate Speech (N.N.). Den Abschluss des Seminars bilden kurze kritische Reflexionen zu den Zumutungen digitaler Kommunikation. 


Das diesem Blogpost vorangestellte Bild kommt vom Stickkünstler Simon Hari (www.haristrick.ch). 

Es geht los…

Dieses Blog entsteht im Rahmen des Seminars „Digitale Kommunikation“ (WiSe 2019/20) im BA-Studium „Kommunikationswissenschaft“ an der Universität Duisburg-Essen (zur Seminarkonzeption siehe hier). Es werden hier Zusammenfassungen der Texte, die wir zu jeder Seminarsitzung besprechen, hochgeladen. Diese Zusammenfassungen werden durch die Studierenden des Seminars verfasst. Zuvor durchlaufen die Texte einen Reviewprozess durch andere Seminarteilnehmer*innen, die überprüfen, ob in den Zusammenfassungen das wichtigste genannt wurde, der Text gut und richtig geschrieben ist und auch als Blogeintrag funktioniert. 

Ziel 1

Damit ist zugleich ein erstes Ziel des Blogs benannt: Die Studierenden lernen in der Praxis, was es bedeutet, digitale Kommunikationspraktiken aus- und aufzuführen. Man muss sich offenbar auch im Kontext digitaler Kommunikation darüber verständigen, was relevante Informationen, welche Modell-Lesenden zu erreichen und welche Kommunikationsformate dafür geeignet sind. 

Ziel 2

Ein weiteres Ziel des Blogs liegt in der Herstellung von Öffentlichkeit für studentische Auseinandersetzung mit Inhalten. Während ein Großteil der festgehaltenen Ergebnisse aus Seminaren in den Computern und Mitschriften der Studierenden oder eventuell digitalen Lernplattformen wie moodle festgehalten werden, soll hier ein kleiner Schritt in Richtung Öffentlichkeit gegangen werden. Indem wir sowohl die Seminarkonzeption als auch die Lerninhalte veröffentlichen, können sich andere Personen (seien dies Kommiliton*innen, thematisch Interessierte oder auch Eltern) einen Eindruck über Inhalte des Studiums machen und eventuell die Texte kommentieren und so in einen inhaltlichen Austausch treten. 

(Ziel 3)

Denn das wäre ein wünschenswertes Ziel für das Seminar – die Diskussion nicht nach unseren neunzigminütigen Sitzungen abzubrechen, sondern darüber hinaus fortzuführen. Entsprechend sind alle Interessierten recht herzlich eingeladen, die entstandenen Texte zu kommentieren.

Los geht’s…