Die Singularisierung der spätmodernen Gesellschaft

von Sven Gyrnich, Jolanda Pauline Friedrich, Laura Kesper

Was sind Singularisierungsprozesse in der digitalen Welt? Was zeichnet sie aus, und welche Rolle spielen sie für uns Menschen? Diesen Fragen stellt sich Reckwitz in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ und versucht so, das postmoderne Verständnis über die digitale Welt und deren Bedeutung zu erläutern.  Im Folgenden fassen wir in diesem Blogbeitrag die Seiten 243 bis 272 zusammen. Zu Beginn stellt Reckwitz fest, dass es in dem digitalen Netz verschiedene Singularisierungsprozesse rund um Subjekte, Objekte aber auch Kollektive gibt.(Reckwitz, 2017: S. 243). Dabei werden zwei Arten der Singularisierung erkenntlich: die „kulturelle” bzw. „affektive Singularisierung” (ebd. S.243), die sich auf die Interaktion zwischen Subjekten und Maschinen bezieht, und die „maschinelle Singularisierung” (ebd. S.243), die die Interaktion zwischen Maschinen in den Fokus setzt.

Die digitale Welt als Bühne     

Bei der kulturellen Singularisierung handelt es sich um ein Phänomen, bei dem es um die öffentliche Selbstdarstellung der Subjekte geht. Kennzeichnend hierfür ist, dass die Informationen frei zugänglich sind, jeder die Möglichkeit hat, sich selbst darzustellen und die Singularisierung stark von einem Aufmerksamkeits- und Valorisierungswettbewerb geprägt ist. (ebd. S.244 f.) Reckwitz zieht den Vergleich zu David Riesmans Theorie vom other-directed character (Riesman et. al. 1965). Während es bei Riesman jedoch um das Erreichen der sozialen Unauffälligkeit bzw. Angepasstheit geht, intendiert das digitale Subjekt seine Einzigartigkeit zu betonen, um sich von anderen abzuheben. (Reckwitz, 2017: S.246) Reckwitz deutet dies als „Performance” (ebd. S.246) vor einem Publikum und spricht in diesem Zusammenhang von der „performativen Authentizität” (ebd. S.247) als Merkmal kultureller Singularisierung. Hierbei ist zu beachten, dass dem Willen nach ungebundener Entfaltung der Zwang, sich so darzustellen, wie die Gesellschaft es wünscht um im Aufmerksamkeitswettbewerb mithalten zu können, gegenüber steht (ebd. S.247).

„Plakativ gesagt: Nur Sichtbarkeit verspricht hier soziale Anerkennung, während Unsichtbarkeit den digitalen Tod bedeutet“

(Reckwitz, 2017: S. 247).

Komposition des Selbst

Für die bereits thematisierte Selbstdarstellung benötigt jedes Selbst ein „Profil” (ebd. S.248), das die eigene Persönlichkeit repräsentiert und somit der Identitätsproduktion dient. Dabei besteht die Kunst darin, seine Eigenarten und Besonderheiten zu einem adäquaten Gesamtbild zu vereinen. (ebd. S.248-249). Es werden sogenannte „modularisierte Tableaus” (ebd. S.248-249) kreiert, die die Persönlichkeit widerspiegeln sollen. Durch das Zusammensetzen einzelner Interessensfelder und Eigenschaften entsteht laut Reckwitz erst das Interessante an einem Profil. (ebd. S.249) Des Weiteren sollte man bedenken, dass das Profil keine feste Größe ist, sondern davon lebt, sich immer wieder neu zu repräsentieren. Visualität spielt dabei eine große Rolle, da sie durch das Darstellen von Erlebtem dem Rezipienten Unmittelbarkeit und somit Authentizität vermittelt. (ebd. S.249-250) Zudem fördert sie eine „affektive Positivkultur” (ebd. S.251), da man vor allem mit dem Teilen von positiven Augenblicken versucht, Aufmerksamkeit zu erlangen. (ebd. S.251-253)

Personalisierung durch Datensammlung

Das Verhalten von Nutzern wird laut Reckwitz durch „apparative Systeme der Beobachtung“ (ebd. S.253) festgehalten, welche versuchen, sie in ihrer Besonderheit zu begreifen. Durch die Auswertung großer Mengen von Daten können Subjekte als Singularitäten begriffen werden, anstatt sie nur beruhend auf der Allgemeinheit zu typisieren. Diese Änderung stellt einen geschichtlichen Einschnitt dar, da Menschen traditionell in der „Öffentlich-Systemischen” (ebd. S.254) Welt eher als Typus und nur im „Privat-Lebensweltlichen” (ebd. S.254) als Individuell definiert wurden. Die im Internet gesammelten Daten werden von Firmen und Institutionen genutzt, um das Subjekt aus diskreten Teilen zusammen zu setzen anstatt es in seiner Gesamtheit in den Blick zu nehmen. Eine Art dieser Teile entsteht, so Reckwitz, durch die Auswertung von Netzwerkprotokollen, die durch Firmen wie Google genutzt wird, um Vorhersagen über zukünftiges Verhalten zu treffen. Während die manuelle Datensammlung (Small Data) (ebd. S.256) der industriellen Moderne zwar auch durch sogenannte „people analytics” (ebd. S.256) versucht hat, Einzigartigkeit in Subjekten festzuhalten, gelang es ihr nicht zum singulären Subjekt vorzudringen. So konnten zwar Konsum- und Wahlverhalten durch Korrelation typisiert werden, diese Typen können jedoch erst mit Hilfe von Big Data gezielt adressiert werden.

„Subjekte sehen sich einer sozusagen maßgeschneiderten kulturellen Umwelt gegenüber, die versucht, sich so weit wie möglich ihrer aktuellen Wunsch-Interessen-Struktur anzupassen.”

(Reckwitz, 2017: S. 258)

Auf Grundlage der Datensammlung und -auswertung können Inhalte automatisch singularisiert werden. Auf Facebook werden dem Subjekt abhängig von seinen Freunden und Vorlieben nur speziell ausgewählte Inhalte angezeigt. Google nimmt eine ähnliche Art der Auswahl von Inhalten im Rahmen von Suchergebnissen vor. Reckwitz beschreibt diese Auswahl für Nutzer als Fenster zu ihrer digitalen Welt und möglicherweise ihrer kulturellen Welt insgesamt. Die universale Welt des Netzes wird auf maschinell-algorithmische Weise in unzählige singularisierte Umwelten verwandelt. (ebd. S.258) Diese drastische Selektion ist nötig, um in der unendlichen Menge von Texten und Bildern die Aufmerksamkeit des Nutzers zu lenken.

Formen des Sozialen und Neogemeinschaften

Reckwitz beschreibt in seinem Text drei Formen des sozialen Neuen. Diese bezeichnet er als „Singularitätsmärkte”, „heterogene Kollaboration” und „Neogemeinschaften”. In der ersten Form, den Singularitätsmärkten, wird so viel produziert, dass ein ständiger Wettbewerb um Aufmerksamkeit (Reckwitz, 2017: S.263) besteht. Die zweite Form, die heterogene Kollaboration, wird für ihn von einer Zusammenarbeit der Subjekte bestimmt. Die dritte Form bezeichnet Reckwitz als „digitale Neogemeinschaften” (ebd. S.261ff.). Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie „Wahlgemeischaften” (ebd. S.264) sind, die durch ein bestimmtes Interesse verbunden sind. Durch die Technik ist es auch für kleine, spezialisierte Gruppen möglich, Neogemeinschaften zu formen. Durch das geteilte Interesse und die Größe der Communities fühlt sich jedes Mitglied dazu angehalten, Inhalte zu produzieren. (ebd. S.265)

Spannungsfelder

Der Prozess der Singularisierung birgt laut Reckwitz aber auch Schwierigkeiten. Er erläutert fünf dieser näher. Als erstes spricht er von einen „Profilierungszwang” (ebd. S.266), einem Druck, sich zu singularisieren. Allerdings wird von der Gesellschaft bestimmt, was eine akzeptable oder nicht akzeptable Form der Singularisierung ist .(ebd. S.266f.) Er beschreibt nichtakzeptable Besonderheiten als solche, die mit Scham verbunden werden. Als zweites führt er die Gefahr der „Zementierung des Individuums” (ebd. S.268) an. Dies geschähe durch die Anpassung der Inhalte im Netz an den Benutzer, aus der nur schwer zu entkommen sei. Das dritte Spannungsfeld, das er identifiziert ist die Zerklüftung der Öffentlichkeit in Parallelgemeinschaften. (ebd. S.268f.) Dies sorge dafür, dass keine gemeinsame Basis für Diskussionen mehr bestehe. Das Fehlen einer gemeinsamen Basis könne zu einem „Freund-Feind-Denken” (ebd. S.269) eskalieren. Als viertes erwähnt er einen Drang nach Aktualität in den Medien (ebd. 269), den er an den Wettbewerb um Aufmerksamkeit anknüpft. Dies führe dazu, dass die Vergangenheit schneller vergessen würde. Das fünfte Spannungsfeld, das Reckwitz in dem Abschnitt seines Buches erläutert, ist die Prägung der sozialen Medien durch eine positive Affektivkultur. (ebd. S.270f.) Er beschreibt weiterführend, wie Negatives entweder verdrängt (ebd. S.270) oder als „kleine Schwäche“ in einen positiven Rahmen gesetzt wird (ebd. S.252). Durch das Verdrängen des Negativen in die Anonymität eskaliere es. Als Beispiel für diese Eskalation erwähnt er Cyber-Bullying und Shitstorms. (ebd. S.270)

Reckwitz bietet in seinem Werk einen umfassenden Einblick in das Selbstverständnis von Internetnutzern, aber erläutert auch die systemischen Voraussetzungen unter denen sie agieren. Seine komplexen Beobachtungen und gezielten Beschreibungen von allgegenwärtigen Phänomenen bieten einen aufschlussreichen Einblick in die Funktionen eines heutzutage vorherrschenden Mediums, in dem sich viele Nutzer wiedererkennen können.          

Links/Nachweise:

https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Reckwitz

https://www.kuwi.europa-uni.de/de/lehrstuhl/vs/kulsoz/professurinhaber/index.html

Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Suhrkamp, S. 243-272.

Riesman, David/Denney, Reuel/Glazer, Nathan (1965): Die einsame Masse: eine Untersuchung der Wandlung des amerikanischen Charakters. Hamburg: Rotwohlt.

2 Kommentare zu „Die Singularisierung der spätmodernen Gesellschaft

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