Archiv der Kategorie: Exzerpte

Empirische Untersuchungen zur Produktion von Chat-Beiträgen

Von Celine Bunge, Leonie Lauschner und Tabea Hanker

Chats als Produktionsort von Textbeiträgen

Was passiert während der Produktion von Chat-Beiträgen auf den Bildschirmen der Chat-Nutzer? Mit dieser Frage hat sich Michael Beißwenger, Professor für Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik, in empirischen Studien (etwa: Beißwenger 2010) auseinandergesetzt.

Beißwenger setzt sich dabei mit den Revisionen beziehungsweise vollständigen Löschungen von Textentwürfen während der Chatproduktion auseinander. Umfassende Beobachtungen von Prozessen der Produktionen von Textbeiträgen sollen dabei über den Produktionsverlauf Aufschluss geben. Bevor der Autor jedoch genauer auf seine empirisch erhobene Studie eingeht, beschäftigt er sich zunächst mit den Rahmenbedingungen, die bei der Produktion von Chat-Beiträgen eine zentrale Rolle spielen. Kommunizieren zwei oder mehrere Kommunikanten in einem Chat, ist von „dialogischer”, wechselseitiger Kommunikation auf medialer Schriftbasis die Rede (Beißwenger 2010: S.48). Michael Beißwenger charakterisiert Chat-Kommunikation als „kommunikative Problembearbeitung“ (Beißwenger 2010: S. 48). Er folgt hier einer Unterscheidung von Koch/Österreicher und kennzeichnet Chat-Kommunikation als medial mündlich. Beißwenger definiert Chat-Kommunikation als eine Form der medialen Schriftlichkeit (Graphizität) (ebd., S. 48). Diese ermöglicht eine zeitlich verzögerte Rezeption, und ist anders als beim Komplementärkonzept der „medialen Mündlichkeit“ nur für die Augen erfassbar.

Im Gegensatz zum gesprochenen Wort in einer Face-to-FaceInteraktion sind sprachliche Äußerungen in einem Chat gespeichert und somit jederzeit aufrufbar. Des Weiteren können Beiträge- im Gegensatz zur mündlichen Kommunikation- bis zum Versenden beliebig oft bearbeitet und teilweise oder gar vollständig revidiert werden. Im Gegensatz dazu steht die konzeptionelle Mündlichkeit. Hierbei entsteht Kommunikation spontan und ohne zeitliche Planung. Sie ist gekennzeichnet durch die „soziale Nähe“, also die Anwesenheit beider Kommunikationspartner an einem Ort und den gemeinsam besitzenden Wissensvorrat (Beißwenger 2010: S. 56).   Während die Kommunikatoren im mündlichen Gespräch unter einem gewissen Zeitdruck stehen, erfolgt die Produktion von Chatbeiträgen entspannter. Hierbei kann sich die Planung und Überarbeitung der Nachricht über einen längeren Zeitraum erstrecken. Entsprechend der spezifischen kommunikativen Rahmenbedingungen kann aber auch die Sprachproduktion in der Chat-Kommunikation „zeitlichen Kommunikationsdruck annehmen“ (Beißwenger 2010: S.56). Durch diesen Druck werden in einem Chat sowohl Tippfehler als auch Verzicht auf Zeichensetzung und Groß- und Kleinschreibung toleriert, da man einen Chatbeitrag so schnell wie möglich produzieren möchte, damit Chatpartner nicht lange auf eine Antwort warten müssen. Des Weiteren werden Änderungen oder Korrekturen in Chat-Verläufen sowohl beim Entstehen eines Chatbeitrages als auch beim erneuten Überschauen des entstandenen Textes berücksichtigt (Beißwenger 2010: S.56).


Revisionen und Löschungen im Gesprächsverlauf

(1)

Zum Veranschaulichen der Löschungen und Revisionen in Chat-Beiträgen hat Beißwenger ein Beispiel eines Transkriptes von einem Chatverlauf beigefügt, in dem das Schriftliche, die Zeit, die Aktivitäten des Schreibenden und seine Anmerkungen notiert sind. Das Transkript zeigt an, inwiefern ein Chatproduzent handelt, wenn er mit anderen Chatteilnehmern im Gespräch ist, was dabei berücksichtigt wird und welche Aktionen vorkommen, bis ein fertiger Chatbeitrag abgeschickt wird. Dazu zählen beispielsweise das Korrigieren von Fehlern, das Verfolgen des Chatverlaufes, das Korrigieren einer Nachricht oder das Hinzufügen von Text (Beißwenger 2010: S.57-62). In einem anderen Fall zeigt Beißwenger, wie oft nachträgliche Revisionen, direkte Revisionen und Revisionen insgesamt vorgenommen wurden. Dabei stellt der Professor für Germanistische Linguistik und Sprachdidaktik fest, dass nachträgliche Löschungen auffallend häufig vorkommen (Beißwenger 2010: S.64). Ein anderes Merkmal, welches das Produzieren von Chatbeiträgen aufweist, ist, dass Chatteilnehmer immer versuchen ihre eigenen Beiträge so zu überarbeiten, dass der Ist-Zustand und der Soll-Zustand übereinstimmen. Dabei ist der Ist-Zustand der Zustand, in welchem sich der Text zur Zeit des Entstehens befindet, also der Entwurf der Nachricht mit noch vorhandenen Fehlern oder ähnlichem. Der Soll-Zustand ist demnach der Zustand, in dem der Text bearbeitet und zum Abschicken fertig sein muss. Der Unterschied zwischen digitaler und analoger Kommunikation ist, dass der Gesprächsteilnehmer bei der digitalen Kommunikation den Chatverlauf konstant visuell einem Monitoring unterziehen muss (Beißwenger 2010: S. 65). Dadurch läuft das Ausüben von Rezipieren und Produzieren nicht parallel, sondern alternierend, da ein Produzent den Chatverlauf nicht ständig beobachten kann. Durch das Unterbrechen dieser Beobachtung kann eine Divergenz zwischen mental repräsentierter Diskursstruktur und der Beitragsabfolge entstehen (Beißwenger 2010: S.66).


 Kooperation und Handlungsplanung in der Chatproduktion

Darüber hinaus sind Teilnehmer von Chats ebenso um Kooperation bemüht wie Teilnehmer an einem mündlichen Gespräch. Um zu untersuchen, inwiefern eine Handlungsplanung in Chats abläuft und wie sich diese mit einer solchen Kooperationsbemühung vereinbaren lässt, hat sich Beißwenger mit dem Zusammenhang von Blickrichtungsverhalten und der ausgeführten Handlung, ob Produktion (Texteingabe) oder Deletion (Textlöschung), beschäftigt. Dabei zeigte sich, dass die Beobachtung des Chatverlaufes die Kooperation unter anderem so beeinflusste, dass Textbeiträge wieder vollständig gelöscht wurden. Dies lässt sich beispielsweise dadurch erklären, dass ein neuer Partnerbeitrag den eigenen überflüssig macht, indem er eine Frage vorzeitig beantwortet oder ein neues Thema einleitet. Somit ist anzunehmen, dass die Gesprächsteilnehmer bemüht sind, durch kooperatives Verhalten die Ordnung in der Konversation aufrechtzuerhalten, indem eine inhaltliche Kohärenz sowie Äußerungen hergestellt und Äußerungen des anderen nicht übergangen werden.


Beißwenger Fazit

Als Fazit hält Beißwenger fest, dass sich Chats auf der Handlungsebene nicht allzu stark vom Mündlichen unterscheiden, da die beiden Handlungen sowie entsprechende Folgehandlungen kooperativ realisiert werden. Chats sind jedoch durch technische Rahmenbedingungen teils beschränkt in ihren Kooperationsmöglichkeiten, was zu einer oberflächlichen Änderung der Gesprächsstruktur führt. Laut Beißwenger ist der Unterschied zwischen Chats und mündlicher Interaktion also, „dass aufgrund unterschiedlicher Rahmenbedingungen (…) die lokale Aushandlung einer linearen Äußerungsabfolge zur Laufzeit nicht möglich ist” (Beißwenger 2010: S.74). Die Partner kreieren somit zwar synchron eine Handlungssequenz, jedoch knüpfen sie häufig aufgrund fehlender Simultaneität zur selben Zeit an unterschiedlichen Punkten an (Beißwenger 2010: S.74-75). Daran zeigt sich, dass in Chatverläufen die Handlungsplanung mehr mit dem beobachteten Stand des Bildschirmprotokolls koordiniert wird als mit dem tatsächlichen Gesprächspartner. Dies ist auch der Grund, warum die Handlungsplanung in Chats häufig geändert oder sogar ganz verworfen werden kann, wenn beispielsweise eine Deletion stattfindet oder Rückbezug auf vorher unbeantwortete Partnerbeiträge genommen wird (Beißwenger 2010: S.77).

Abschließendes Fazit

„Kommunikation“ – in schriftlicher und mündlicher Form – hat in den letzten Jahren unter anderem durch Instant-Messaging-Dienste wie WhatsApp eine enorme Veränderung erlebt. Einen ersten Ansatz zur Unterscheidung der Kommunikationsformen liefert der von Beißwenger genannte Ansatz von Koch und Österreicher (Beißwenger 2010: S.48). Die von Beißwenger durchgeführte empirische Untersuchung liefert erste interessante Einblicke und Erkenntnisse in die Revisionen von Chat-Beiträgen, jedoch erfahren wir nicht, welche Intentionen hinter den Revisionen liegen. Wieso schicken wir die zunächst eingetippte Nachricht nicht ab? Befürchten wir, dass unser Chatpartner die Nachricht womöglich falsch verstehen könnte? Die Art und der Umfang der Untersuchung Beißwengers kann in seinem Werk nicht näher bestimmt werden. Deshalb lässt sich nicht explizit bestimmen, welche Aspekte der Germanist noch weiter empirisch erforscht hat. Dennoch könnten diese Aspekte-nach Bedarf- in einer weiteren empirischen Untersuchung fokussiert im Mittelpunkt stehen und die Ergebnisse von Beißwengers empirischer Studie unterstützen.


Quellen:

Text: Beißwenger, Michael (2010): Medienwandel als Wandel von Interaktionformen. VS Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden.

Bilder:

https://pixabay.com/de/photos/whatsapp-smartphone-handy-1706477/

(1) https://pixabay.com/de/vectors/cartoon-handy-chat-comic-1300224/

Privat oder öffentlich?

Dieser Blogbeitrag befasst sich mit Wagners (2019) wissenschaftlicher Aufarbeitung kommunikativer Leistungen der Nutzer auf Facebook. Ihr Forschungsinteresse beruht darin, eine soziologische Beschreibung von Schreibweisen auf Facebook und Erkenntnisse über die dortigen Praxisformen der Nutzer zu erbringen. Die Autorin nutzt hierfür gesammelte Daten einer empirischen Studie, welche unter anderem auf Transkripten eines explorativ-narrativen Interviews und auf Daten einer Online- Ethnographie basiert.

Im soziologischen Diskurs ist vor allem die Differenzierung und Zuweisung der Begriffe Communities, Netzwerke und Schwärme für die Beschreibung internetbasierter Kommunikationsformen von zentraler Bedeutung. An diesem Punkt stellt sich die Frage, wie sich die Kommunikationspraktiken auf Facebook in diese Dreiteilung einordnen lassen.

Kommunikationspraktiken auf Facebook als Communities, Netzwerke oder Schwärme?

Der Begriff der Communities – insbesondere der Virtual Communities – lässt sich mit dem Sozialen, beziehungsweise mit der Beschreibung von Sozialformen im Netz gleichsetzen. Er ist als Gegenbegriff zu der modernen Vergesellschaftung zu verstehen. In diesem Zusammenhang greift sie den Begriff der Pseudo-Communities auf, der bislang dazu diente, eine Abgrenzung zu regulären Communities, die aus der Interaktion unter Anwesenden resultieren, zu beschreiben. Pseudo-Communities hingegen basieren auf eine Personalisierung der Massenkommunikation.  Sie kennzeichnen sich dadurch, dass keine unmittelbaren Kontakte hergestellt werden und folglich keine physische Kenntnis der Beteiligten vorliegt. Hinzu kommt eine Emotionalisierung der Kommunikation zur Vertrauensschaffung, welche allerdings auch die Bildung kurzfristiger Interaktionssysteme begünstigt.

Von besonderem Interesse ist die daraus resultierende Ambivalenz zwischen Privatheit und Öffentlichkeit und das ungeklärte Verhältnis zwischen Innenwelt und Umwelt. Netzwerke hingegen fassen Online-Beziehungen als eigenständige Sozialform auf, welche zwischen den realweltlichen Gruppen und den imaginierten Gemeinschaften steht. Unter den Begriff des Netzwerks fallen sowohl abgegrenzte Gruppen, deren Inhalte primär innerhalb der Gruppe bleiben, als auch durchlässige, weitreichende und sich verzweigende Netzwerke mit einer Verbindung zu Nicht-Mitgliedern. Mit inbegriffen sind ebenso heterogene wie auch kulturell homogene Netzwerke.

Verdichten sich diese Netzwerke, so bezeichnet man diese als Schwärme. Deren zentrale Kennzeichen sind das Fehlen eines Massengeistes, beziehungsweise einer Massenseele im Sinne eines Gemeinschaftsgefühls. Jedoch führt die Autorin außerdem an: „Die Bewegungsmuster von Schwärmen sind flüchtig und instabil, sie lösen sich ebenso schnell auf, wie sie entstanden sind“ (Wagner 2013: 250).

Die bisher behandelten Begriffe des soziologischen Diskurses lassen sich zwar auf die  Kommunikationspraktiken auf Facebook übertragen und außerdem auf die Social-Networks alternativ rekonstruieren, allerdings treffen diese lediglich auf spezifische Sachverhalte zu und bedürfen Ergänzungen und Rekontextualisierungen. Aus diesem Grund führt die Autorin den zunächst paradox erscheinenden Begriff der intimisierten Öffentlichkeit ein,  auf dem im Folgenden näher eingegangen wird.

Facebooks Öffentlichkeiten als Intimisierte Öffentlichkeiten?

Um die Frage zu beantworten, inwiefern sich die auf Facebook konstituierten Öffentlichkeiten als intimisierte Öffentlichkeiten begreifen lassen, ist es zunächst sinnvoll, zwischen Öffentlichkeit und Privatheit auf Facebook zu differenzieren und sich zu fragen, wie eine private Nutzung von Facebook aussehen könnte.

Eine Möglichkeit bietet dabei das Feature, Kontakte ein- und ausschließen zu können. Durch den Ausschluss von Kontakten entsteht beim Ausschließenden ein Gefühl der Privatheit. Mit den bestehenden Kontakten wird allerdings nach wie vor eine Öffentlichkeit und ihr Bestehen gewährleistet. Das hier angesprochene Verhältnis von Öffentlichkeit und Privatheit stellt insofern eine intimisierte Öffentlichkeit dar, als die Öffentlichkeit aus einem großen Netzwerk vieler Kontakte besteht. Diese werden jedoch einer Intimisierung unterzogen, indem die Illusion einer geschlossenen Gruppierung durch Verknappung von Kontakten hergestellt wird.

Dieser Mechanismus wird durch die auf Facebook agierenden Algorithmen unterstützt. Mit dem Algorithmus erfolgt eine Selektion der angezeigten Inhalte auf der Startseite anhand folgender Kriterien, die Wagner einer Analyse von Felix Stalder entnimmt. (vgl. früherer Blogbeitrag)

  • Der bisherige Interaktionsverlauf zwischen Nutzern (Affinität)
  • Die Interaktionsrate der Nutzer in Bezug auf den Beitrag (Gewichtung)
  • Wie lange ein Online-Beitrag bereits öffentlich ist (Aktualität)

Mit dieser Selektion ergibt sich auch das Phänomen der sogenannten Filter-Bubbles. Strittig ist hierbei, ob der Algorithmus als Möglichkeit der Ordnungsgenerierung oder aber als Ursache der Selbstmanipulation angesehen werden sollte. Die Autorin verweist hierbei auf die Interviewdaten. Einer der Interviewten sieht im Algorithmus vor allem die Möglichkeit der Ordnungsgenerierung.

„Worüber sprichst du nochmal?“ – Problem kommunikativer Diskontinuität

Bei den Kommunikationspraktiken auf Facebook ist auffällig, dass durch die schnelle Taktung der Kommunikation sowie durch die Aktualisierung der Startseite, die Bezugnahme der Teilnehmenden aufeinander erschwert wird. Diese Diskontinuität der Kommunikation hat zur Folge, dass Sprecherpositionen zueinander symmetrisiert werden, indem sich die Beiträge der Sprecher und ihre Platzierung auf der Startseite zueinander gleich verhalten. Dazu kommt, dass durch die Diskontinuität die Wahrscheinlichkeit von argumentativen Debatten minimiert wird. An ihre Stelle treten Formen affektiver, emotionaler Befindlichkeitskommunikation und öffentliches in Szene setzen der Person. Diese schnell aufkeimenden und abebbenden Diskurspraktiken zeigen sich am Beispiel von sogenannten Shitstorms, womit ein plötzliches und gehäuftes Auftreten oft unsachlicher Kritik verstanden wird sowie von den Shitstorms gegensätzlichen Candystorms. Beide Phänomene können als Beispiele für die im Vorfeld behandelten Schwärme betrachtet werden.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass dieses Mischverhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit der bereits aufgeführten intimisierten Öffentlichkeit entspricht. Diese lässt sich als Ergebnis der Facebooknutzung begreifen, die durch das Ausblenden von Unangenehmem, durch die Homogenisierung der Inhalte auf der Startseite, durch die Emotionalisierung des Kommunikationsstils und durch die Diskontinuierung sowie der Technisierung durch Algorithmen gekennzeichnet ist.

Quelle: Wagner Elke (2019): Intimisierte Öffentlichkeiten. Zur Erzeugung von Publika auf Facebook. In: Stempfhuber, Martin/ Dies. (Hg.): Praktiken der Überwachten: Öffentlichkeit und Privatheit im Web 2.0. Springer, S. 243-266.

Bilderverzeichnis: 

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Erstellt von Daria Wunder, Polya Vasileva, Christoph Büntzly, Yuxi Luo, Sophie Nadler

Der Swipe ins große Glück?

Tinder ist eine lokalbasierte Dating-App, die in den letzten Jahren zunehmend an Popularität gewonnen hat. Die App wurde im Oktober 2012 eingeführt und verfügt über 50 Millionen User in 196 Ländern (Ward 2017: 1645). Janelle Ward beschäftigt sich in ihrem Beitrag damit, wie Nutzer versuchen, sich selbst auf der Plattform darzustellen. Was sind ihre Ziele? Was sind ihre Motivationen? Wie möchten sie bei dem anderen Geschlecht ankommen und wonach suchen sie wirklich? Erving Goffman’s Theorie der Selbstpräsentation bietet die Grundlage für die Beantwortung dieser Fragen.

Wie funktioniert Tinder?

Zunächst ist erwähnenswert, dass sich Ward’s Daten auf die Tinder Version von 2017 beziehen. Mittlerweile hat die App jedoch einige Updates durchlaufen, die die Nutzung angenehmer gestalten sollen. Dazu gehören zusätzliche Features oder Auswahlmöglichkeiten beim eigenen Profil (für mehr Infos siehe hier: https://flirtuniversity.de/tinder-updates-was-ist-aktuell-los-bei-tinder/). Das Kernprinzip bleibt aber erhalten.

Nach Ward ist das Besondere an Tinder, dass nur ein sehr geringer Filterungsprozess vorliegt. Es wird lediglich das gesuchte Geschlecht, Alter und ein Radius angegeben (Ward 2017: 1648). Nacheinander werden die potenziellen Personen angezeigt. Zuerst sieht man nur das Profilbild, das Alter und die Entfernung. Wer mag, kann sich dann durch weitere hochgeladene Bilder der Person klicken. Das Auswahlverfahren erfolgt durch das so genannte Swipen. Durch einen Swipe nach links wird die Person abgelehnt, durch einen Swipe nach rechts wird eine Person als potenzieller Match akzeptiert. Erst wenn das Swipen wechselseitig erfolgt, kann miteinander gechattet werden (Ward 2017: 1645).

Impression management  

Ward nutzt Goffman’s Begriff des „Impression management“. Dabei handelt es sich um ausgetüftelte Methoden, um sich selbst im besten Licht zu präsentieren und somit auf potenzielle Partner aufmerksam zu machen (Ward 2017: 1644). Das impression management beginnt mit der Auswahl eines geeigneten Profilbildes und eines kurzen Textes. Die Erwartungen potenzieller Matches werden zuvor eingeschätzt und davon abhängig, versuchen sich die User selbst zu präsentieren. Ward diskutiert dabei zwei grundsätzliche Prozesse. Zum einen gibt es die „impression motivation“. Dabei ist es den Benutzern besonders wichtig, dass sie selbst die Kontrolle darüber haben, wie sie sich präsentieren.

„This high motivation can be illustrated in how users are sometimes tempted to present themselves in idealized ways“ (Ward 2017: 1646).

Zum anderen zählt sie die „Impression construction“ auf. User entscheiden sich für den Eindruck, den sie bei anderen Usern hinterlassen wollen (Ward 2017: 1646). Sie vergleichen sich mit anderen Nutzern und lassen sich davon inspirieren:

„There was a constant comparison with others along with descriptions of what to embrace and what to avoid“ (Ward 2017: 1652).

Die meisten User streben danach, sich selbst in einem besonders guten Licht zu präsentieren, aber dennoch keine neue Version ihrer Selbst zu erschaffen (Ward 2017: 1652). Sie möchten möglichst gut bei einem potenziellen Match ankommen und trotzdem bei der Wahrheit bleiben, weil die Chancen hoch sind, dass man sich auch im realen Leben begegnen kann (Ward 2017: 1647).

Unterhaltung, Ego-Booster oder Partnersuche?

Für ihre Studie erstellte Ward ein eigenes Tinder–Profil mit dem Namen „TinderStudy“ (Ward 2017: 1648), um Interviewpartner zu rekrutieren. Die User, die sich per Mail bei ihr meldeten, wurden dann zu einem Interview gebeten.

Aus ihren Befragungen ging hervor, dass Tinder vor allem zur Unterhaltung und als Ego-Booster genutzt wird. Einige Befragte gaben an, dass es schön wäre, einen festen Partner auf Tinder zu finden. Dies sei jedoch nicht ihre Hauptmotivation (Ward 2017: 1649). Tinder bietet verschiedene Nutzungsmöglichkeiten und daher unterscheiden sich die Motivationen der Nutzer. Viele sehen in Tinder eine Gelegenheit für kurzweilige romantische Begegnungen, wohingegen einige in Tinder eine gute Möglichkeit sehen, langfristige Beziehungen aufzubauen. Viele ändern aber auch ihre Erwartungshaltung nach längerer Nutzung. Durch die stigmatisierte Umwelt löst Tinder aber oftmals Scham statt Stolz aus. (Ward 2017: 1650).

„On Tinder, whether one is using the app for entertainment, seeking an ego-boost, or an eventual relationship, success is defined by an attractive profile, validated through mutual right swipes.“ (Ward 2017: 1651).

Was bedeutet das?

Es gibt unterschiedliche Beweggründe für die Nutzung von Tinder. Das Stigma führt dazu, dass viele User die App in erster Linie zur Unterhaltung nutzen und darin weniger eine ernstzunehmende Dating-App sehen. Das Aussehen des eigenen Profils hängt stark von den Profilen potenzieller Matches ab. In diesem Zusammenhang führt Ward den Begriff der „Homophilie“ ein, der die Neigung zu ähnlichen Individuen beschreibt. Vor allem das Alter, die ethnische Herkunft und der Bildungsstand spielen dabei eine große Rolle (Ward 2017: 1654).

Unserer Meinung nach liefert der Aufsatz eine gute Grundlage für weitere Forschungen. Ward ist sehr transparent in ihrer Methode und auch deren Kritik, obwohl die Wahl der Methode nicht erklärt wurde. Trotzdem wirkt der Text sehr oberflächlich, da er stark auf altmodische Stereotype fokussiert ist. Er ist wenig ergiebig und wenig überraschend: Es fehlt der Erkenntisgewinn. Außerdem mangelt es an Repräsentativität, da nur 21 Personen zu Tinder befragt wurden. Es wäre sicherlich ratsam, die qualitative Methode durch quantitative Methoden wie etwa Fragebögen zu ergänzen. Der Text ist zwar aktuell, wirkt aber durch den ständigen Wandel der App und der Motivationen der User beinahe schon veraltet.

Literatur: Janelle Ward (2017): What are you doing on Tinder? Impression management on a matchmaking mobile app. Information, Communication & Society, 20:11, 1644-1659.

Andere Quellen: https://flirtuniversity.de/tinder-updates-was-ist-aktuell-los-bei-tinder/

Autoren: Kristin Lenßen und Aylin Mercsak

Grindr

Warum weniger manchmal mehr ist!

   

Dana König (2020)

Worum geht es bei Grindr?

Grindr ist eine Dating-App für homosexuelle Männer, in welcher die User Profile erstellen und miteinander somit in Kontakt treten können.

Der Chat Grindrs beinhaltet zwei relevante Funktionen: sending pictures und location (Licoppe et al. 2016: 2543).

Öffnet man einen Chat (indem der User auf das Profilbild klickt), eröffnen sich drei Möglichkeiten, von denen zwei als essenzielles Mittel der Grindr-App fungieren. Zum einen handelt es sich um das allgemeine Chatten, was im Verhältnis zu den beiden anderen Funktionen eher in den Hintergrund rückt (Licoppe et al. 2016: 2543).

Zum anderen ist hierbei das Versenden von Fotos, sowie das Versenden des genauen Standortes entscheidend (Licoppe et al. 2016: 2543).

Die Funktion Grindrs besteht darin, Usern zu einer schnellen sexuellen Begegnung zu verhelfen, indem die App auf einen Blick die Vielfalt homosexuellen Männer in der unmittelbaren Umgebung vorgibt. Der erste unmittelbare Kontakt zweier Männer verläuft somit über die elektronische Konversation (Licoppe et al. 2016: 2544).

Die Feldstudie

Rekrutiert wurden 23 männliche User Grindrs. Von vier Personen wurde die Smartphoneaktivität während der Grindr-Nutzung mithilfe von video recording festgehalten (Licoppe et al. 2016: 2544). Mithilfe der damit entstandenen Daten, sowie der Durchführung von Interviews, sollten drei Aspekte herausgearbeitet werden (Licoppe et al. 2016: 2544):

  1. das Setting, in welchem Grindr genutzt wird
  2. der Wechsel zwischen verschiedenen Aktivitäten innerhalb der Grindr-App, sowie der Wechsel zwischen Grindr und anderen Funktionen des Smartphones
  3. hilfreiche Daten über die Produktion von messaging-mediated encounters. Gemeint ist damit, die durch den Messenger vermittelten Treffen zweier User (Licoppe et al. 2016: 2544).

Hook-ups und das Bewusstsein über die unmittelbare Nähe anderer User

Hook-up ist die Bezeichnung für das, worauf der Chat zielführend aufbaut. Hierbei handelt es sich um die (in der Regel) einmalige sexuelle Begegnung zweier unbekannter Männer, innerhalb eines kurzen Zeitraums (Licoppe et al. 2016: 2545).
Einer der befragten User erklärte, dass die Nutzung Grindrs leicht sei und dass der Konsum einer schnellen sexuellen Erfahrung durch Grindr begünstigt wird (Licoppe et al. 2016: 2545).

            „I found it (Grindr) was very simple and it was really for the consumption of fast sexual encounters. (…)” (S., 31 years old).

Das Treffen mit einem Fremden, die sexuellen Spannungen die dadurch erfolgen, sowie die unmittelbare Befriedigung werden in dem Artikel als one night stand bezeichnet, welches vom französischen Begriff plans cul abgeleitet wurde (Licoppe et al. 2016: 2545).

Grindr und das nötige Übel des Kommunizierens

Hat man(n) nun das Objekt seiner Begierde ausfindig gemacht und sich mit ihm erfolgreich gematched, kann es über die integrierte Messenger Funktion in der App zu einem ersten Kontakt kommen.  Zwangsläufig muss auch der typische Grindr-Nutzer in der App für seine Interessen Interaktionen eingehen. Allerdings stehen die typischen kommunikativen Herangehensweisen im Kontrast zu den Webbasierten Datingseiten, die sich an kommunikativen Praktiken des alltäglichen Lebens orientieren:

„Before with dating sites in Lyon, I was focusing only on two or three conversations but with good exchanges of emails. There was an affinity being created and often we moved on to other media, either text messages or on Facebook, something which would allow for a quieter exchange. So there were few people, I was going there from time to time, and I was focusing on a few conversations which I liked. But on Grindr it’s become every day, I go left and right, I get less involved in conversations and they also get less interesting. That’s the way I see it at least. It’s always the same questions which come back ‘Hello, how do you do? What are you looking for? Where are you living’, sometimes ‘what do you do?’ (M., 24 years old)“ (Licoppe et al. 2016, S. 2548).

Wie dieser Ausschnitt aus dem Interview mit dem 24-Jährigen verdeutlicht, zeigen Nutzer Webbasierter Datingseiten ein großes Interesse daran persönlichen Gespräche zu führen, die sich zunächst als rein platonisch Beziehungen äußern, aber das Potenzial haben sich darüber hinaus weiterentwickeln zu können. Das bedeutet nun nicht, dass alle Grindr-Nutzer potenziell freundschaftliche Begegnungen aus dem Weg gehen – ganz im Gegenteil: Eine kleine Randgruppe von Nutzern, nutzt die App regelmäßig für zwanglose Gespräche mit Gleichgesinnten und für eine Unterhaltung über die Dinge des Alltäglichen:


„For me I use it (Grindr) as a chat. It’s to talk. […] There’s just one person with whom I talk regularly […] It’s a friendly relationship […], we talk about what we do, where we go out, what we will do for our holidays. (G., 33 years old)  (Licoppe et al. 2016, S. 2547).

Um aber nicht als prey in den Fängen der hunter (vgl. Licoppe et al 2016: 2547) zu landen, müssen die Absichten beider Interaktionsteilnehmer von Anfang an klar sein:

„(On Grindr) you’ve got to put a stop to them. I tell them (typical Grindr users) ‘I’m not like that’. […] (E., 43 years old)“ (Licoppe et al. 2016, S. 2548).

Die kommunikativen Herangehensweisen der typischen Grindr-Nutzer

„If I want to talk, […] I don’t need to go on Grindr to talk. It’s for sexual quickies […] If I see you in my head as a sexual prey, I can’t imagine you one second as a friend. That is the way it is.“ (Licoppe et al. 2016: 2547).

Abbildung 2: Grindr Chat – Organisation von casual hook-ups, zwanglosen Treffen (Licoppe et al. 2016, S. 2551).

Typische Grindr-Nutzer kommen im Chat direkt zur Sache, sie reden nicht lang drum herum. Man könnte fast glauben, dass der Großteil dieser Nutzer gerne mit der Tür ins Haus fällt. Hinter ihren kurzen, präzisen sich z.T. wiederholenden Fragen verbirgt sich eine Checkliste, die sie für ihre Herangehensweise im Chat nutzen (Licoppe et al. 2016: 2548). Diese Herangehensweise wird vom Großteil genutzt, um schnelle Begegnungen zu vereinbaren, die zu einer sexuellen Befriedigung führen ohne hinterher irgendwelche Verpflichtungen gegenüber dem Sexualpartner eingehen zu müssen (Licoppe et al. 2016: 2548).

Nutzer haben die Möglichkeit im Chat sich multimodal auszudrücken. Das Teilen von Bildern und besonders das von Standorten, ist ausschlaggebend für ein schnelles zwangloses Treffen (Licoppe et al. 2016: 2546). Abbildung 2 zeigt ein weiteres Zeichen für diese typische Herangehensweise nach der Checkliste: Das unmittelbare nacheinander Schicken von mehreren Nachrichten ohne, dass der Nutzer die Antworten seines Chatpartners abwartet.

Aber selbst, wenn Nutzer – bewusst oder auch unbewusst – nach dieser Checkliste vorgehen, um schnell anderen in zwanglosen Treffen zu begegnen, heißt dies noch lange nicht, dass es auch tatsächlich dazu kommen muss. Entweder werden hunter von ihren jeweiligen potenziellen preys direkt gestoppt oder das anfängliche Schreiben entwickelt sich doch zu einem alltäglichen Gespräch. Das passiert bspw., wenn beide für eine schnelle Begegnung zu weit voneinander entfernt sind (Licoppe et al. 2016: 2554). Demnach besteht eine schmale Linie zwischen der ursprünglichen Intention nur eine schnelle sexuelle Begegnung im Chat in die Wege leiten zu wollen und dem, was hunter eigentlich vermeiden wollen: Ein alltägliches Gespräch zu beginnen (Licoppe et al. 2016: 2553-2555).

Anmerkung

Auf Grundlage des Artikels könnte man sagen, dass die Nutzung Grindrs eine Option für die Männer darstellt, deren primäres Ziel keine feste Partnerschaft, sondern ein einmaliges Erlebnis sein soll. Zudem ist es aus kommunikationswissenschaftlicher Perspektive interessant, dass Grindrs primäres Ziel die Vermeidung von interaktiven Praktiken zu sein scheint. Grindr-Nutzer scheinen dennoch, dazu gezwungen zu werden, miteinander kommunikativ in Kontakt zu treten. Tiefgründige Gespräche sind zwar nicht aus Nutzerperspektive erwünscht, aber kleine Chatverläufe sind Grundlage für das spätere Treffen und können beinahe eine Bedingung für das eigentliche Ziel (die hook-ups) darstellen. Daher sind (im Falle von Grindr) weniger Worte, manchmal mehr.

Literaturverzeichnis

Licoppe, Christian; Rivière, Carole Anne; Morel, Julien (2016): Grindr casual hook-ups as interactional achievements. In: New Media & Society 18 (11), S. 2540–2558. DOI: 10.1177/1461444815589702.

Nadège Seibring und Dana König

Erschaffen einer Kultur – gemeinsam, digital

Die Kultur der Digitalität nach Felix Stalder (2016)

Felix Stalder ist Schweizer Kultur- und Medienwissenschaftler und doziert aktuell als Professor für Digitale Kultur und Theorien der Vernetzung an der Zürcher Hochschule der Künste. Ebenso ist er Mitglied des World-Information-Instituts in Wien. Stalder setzt sich thematisch mit dem Wechselverhältnis von Gesellschaft, Kultur und Technologie auseinander und legt seine Forschungsschwerpunkte unter anderem auf Digitalität, Kontrollgesellschaft und Subjektivität. Dazu verfasste und veröffentlichte er bereits einige Bücher und Artikel, wie zuletzt das Buch „Kultur der Digitalität“ in 2016, woraus hier ein Ausschnitt vorgestellt werden soll.

Austausch in digitalen Gemeinschaften

In „Kultur der Digitalität“ befasst sich Stalder mit dem Begriff der „Gemeinschaftlichkeit“. Grundsätzlich ist der Mensch ein soziales Wesen, welches sich als Einzelner an anderen Menschen orientiert. Nur im kommunikativen Austausch mit anderen versteht der Mensch die Bedeutungen seiner komplexen Umwelt und ist fähig im Zuge dessen zu handeln. Stalder führt den Begriff der „gemeinschaftlichen Formationen“ (Stalder 2016, S. 129) ein. Diese Formationen bilden einen sozialen Raum zum kommunikativen Austausch. Sie entstehen in gewissen Praxisfeldern, sei es beispielsweise auf verschiedenen Social-Media-Plattformen, Blogs, Internetforen oder in sozialen Gruppen, wie etwa in der Familie und Freundesgruppen, Sportvereinen, Betrieben und Parteien.

Alle Mitglieder sind aktiv an der Konstituierung dieses Felds beteiligt, deshalb die Betonung der Praxis.“ (S. 136)

In diesen Feldern herrscht ein offener und strukturierter Austausch zwischen den Akteuren, jeder bringt dabei unterschiedliche Wissens- und Erfahrungsstände. So kann gemeinsam ein interpretativer Rahmen entwickelt, erhalten und verändert werden. Stalder bezieht sich hierbei auf die Community of Practice nach Lave und Wenger (1991). In den gemeinschaftlichen Formationen erhalten die Handlungen der Mitglieder sowie gewisse Objekte und Prozesse eine feste Bedeutung und Verbindlichkeit. So erschaffen sich die Akteure gemeinsam eine „kulturelle Homogenität“ (Stalder 2016, S. 162). Dazu tragen die verschiedenen Mitglieder Wissen, Ressourcen, Interpretationen usw. zusammen, mit denen wiederum neue Wissens- und Handlungsmöglichkeiten eröffnet werden können. Da Kommunikation hier eine bedeutende Rolle spielt, muss der Einzelne innerhalb der Gemeinschaft stets aktiv kommunizieren, um in seinem Feld für die anderen Mitglieder sichtbar zu bleiben (Stalder 2016, S.135).

Praktiken der Kommunikation

Um die vielfältige Kommunikation mit anderen Mitgliedern zu bewahren, wird mit Hilfe digitaler Technologien kommuniziert. Das bedeutet: durch digitalen Austausch, wie z.B. über E-Mails, Posts, Blogs, Updates, können die Möglichkeiten zu Kommunizieren erweitert und somit der informelle Austausch zwischen den Mitgliedern abgesichert werden. Der Einzelne möchte durch seine Präsenz und Verfügbarkeit eine soziale Existenz entwickeln und gleichzeitig die Anerkennung der anderen Mitglieder erhalten. Ist er erfolgreich dabei, zeigt sich dies durch Feedback der Mitglieder in der Formation. Dieses kann dabei positiv oder negativ ausfallen, ebenso ist das Ausbleiben einer Reaktion als Feedback zu deuten. Die anzustrebende Anerkennung kann sich bereits in einen simplen Like zu einem online geposteten Beitrag äußern. Dem Akteur wird bestätigt, dass er einen Empfänger hat, somit eine aktive Kommunikation besteht und er demnach im Feld gesehen wird.

Um die vielfältige Kommunikation mit anderen Mitgliedern zu bewahren, wird mit Hilfe digitaler Technologien kommuniziert. Das bedeutet: durch digitalen Austausch, wie z.B. über E-Mails, Posts, Blogs, Updates, können die Möglichkeiten zu Kommunizieren erweitert und somit der informelle Austausch zwischen den Mitgliedern abgesichert werden. Der Einzelne möchte durch seine Präsenz und Verfügbarkeit eine soziale Existenz entwickeln und gleichzeitig die Anerkennung der anderen Mitglieder erhalten. Ist er erfolgreich dabei, zeigt sich dies durch Feedback der Mitglieder in der Formation. Dieses kann dabei positiv oder negativ ausfallen, ebenso ist das Ausbleiben einer Reaktion als Feedback zu deuten. Die anzustrebende Anerkennung kann sich bereits in einen simplen Like zu einem online geposteten Beitrag äußern. Dem Akteur wird bestätigt, dass er einen Empfänger hat, somit eine aktive Kommunikation besteht und er demnach im Feld gesehen wird.

Freiheit und Zwang

Wer »freiwillig« Konventionen akzeptiert, erhält Zutritt zu einem Praxisfeld, in dem er aber unter Umständen strukturell benachteiligt ist.“ (S. 157)

Stalder nennt, in Bezug auf die inneren Strukturen einer „Community of Practice“, ebenso die „Macht der Soziabilität“: Mitglieder unterwerfen sich freiwillig gewissen Protokollen, welche anhand von Regeln, Sichtweisen und Handlungsmustern vorgeschrieben werden. Je größer die Akzeptanz eines Protokolls innerhalb der Gemeinschaft ist, desto größer ist die Pflicht der Mitglieder, sich an dieses zu halten. So soll die kulturelle Homogenität gesichert werden.

Das bedeutet: obwohl sich Mitglieder einer Formation freiwillig anschließen und demnach authentisch verhalten, unterliegen sie dem Zwang gewisse Regeln und Pflichten einzuhalten. So sollte beispielsweise die Sprache einer Formation beherrscht und richtig verwendet werden, um sich den Zugang der zirkulierenden Ressourcen zu gewährleisten. Ist dies nicht der Fall, kann keine erfolgreiche Kommunikation zu anderen Akteuren des Feldes erfolgen. Somit geht das Mitglied das Risiko einer Eliminierung ein. Des Weiteren kann es passieren, dass bestimmte Mitglieder unter gewissen Umständen Diskriminierungen in ihrem Praxisfeld erfahren. So könnte etwa das weibliche Geschlecht in einem männerdominierten Praxisfeld, wie in vielen technischen und handwerklichen Bereichen, auf Grund geringer Frauenquoten und mangelndem Respekt, eingeschränkt werden.

Es besteht zwar die Wahl, aber frei ist sie nicht.“ (S. 159)

Das Mitglied steht vor der Entscheidung die Ausgrenzung der anderen Mitglieder hinzunehmen um somit weiterhin Zugang zu Ressourcen und Wissensständen zu erhalten, oder das Praxisfeld zu verlassen und außen vor zu bleiben.

Quellen:
Stalder, Felix (2016): Kultur der Digitalität. Berlin: Suhrkamp, S. 129-164. https://de.wikipedia.org/wiki/Felix_Stalder (Stand: 30.10.2019).
Lave, Jean; Wenger, Etienne (1991): Situated Learning. Legitimate Peripheral Participation. Cambridge: Cambridge University Press. Altmann, Gerd: human, 2017, https://pixabay.com/de/photos/menschen-betrachter-ausstellung-2944065/ (Stand: 30.10.2019).

Autorinnen: Charlotte Staudinger, Stefanie Steinmetz

Die Singularisierung der spätmodernen Gesellschaft

von Sven Gyrnich, Jolanda Pauline Friedrich, Laura Kesper

Was sind Singularisierungsprozesse in der digitalen Welt? Was zeichnet sie aus, und welche Rolle spielen sie für uns Menschen? Diesen Fragen stellt sich Reckwitz in seinem Buch „Die Gesellschaft der Singularitäten“ und versucht so, das postmoderne Verständnis über die digitale Welt und deren Bedeutung zu erläutern.  Im Folgenden fassen wir in diesem Blogbeitrag die Seiten 243 bis 272 zusammen. Zu Beginn stellt Reckwitz fest, dass es in dem digitalen Netz verschiedene Singularisierungsprozesse rund um Subjekte, Objekte aber auch Kollektive gibt.(Reckwitz, 2017: S. 243). Dabei werden zwei Arten der Singularisierung erkenntlich: die „kulturelle” bzw. „affektive Singularisierung” (ebd. S.243), die sich auf die Interaktion zwischen Subjekten und Maschinen bezieht, und die „maschinelle Singularisierung” (ebd. S.243), die die Interaktion zwischen Maschinen in den Fokus setzt.

Die digitale Welt als Bühne     

Bei der kulturellen Singularisierung handelt es sich um ein Phänomen, bei dem es um die öffentliche Selbstdarstellung der Subjekte geht. Kennzeichnend hierfür ist, dass die Informationen frei zugänglich sind, jeder die Möglichkeit hat, sich selbst darzustellen und die Singularisierung stark von einem Aufmerksamkeits- und Valorisierungswettbewerb geprägt ist. (ebd. S.244 f.) Reckwitz zieht den Vergleich zu David Riesmans Theorie vom other-directed character (Riesman et. al. 1965). Während es bei Riesman jedoch um das Erreichen der sozialen Unauffälligkeit bzw. Angepasstheit geht, intendiert das digitale Subjekt seine Einzigartigkeit zu betonen, um sich von anderen abzuheben. (Reckwitz, 2017: S.246) Reckwitz deutet dies als „Performance” (ebd. S.246) vor einem Publikum und spricht in diesem Zusammenhang von der „performativen Authentizität” (ebd. S.247) als Merkmal kultureller Singularisierung. Hierbei ist zu beachten, dass dem Willen nach ungebundener Entfaltung der Zwang, sich so darzustellen, wie die Gesellschaft es wünscht um im Aufmerksamkeitswettbewerb mithalten zu können, gegenüber steht (ebd. S.247).

„Plakativ gesagt: Nur Sichtbarkeit verspricht hier soziale Anerkennung, während Unsichtbarkeit den digitalen Tod bedeutet“

(Reckwitz, 2017: S. 247).

Komposition des Selbst

Für die bereits thematisierte Selbstdarstellung benötigt jedes Selbst ein „Profil” (ebd. S.248), das die eigene Persönlichkeit repräsentiert und somit der Identitätsproduktion dient. Dabei besteht die Kunst darin, seine Eigenarten und Besonderheiten zu einem adäquaten Gesamtbild zu vereinen. (ebd. S.248-249). Es werden sogenannte „modularisierte Tableaus” (ebd. S.248-249) kreiert, die die Persönlichkeit widerspiegeln sollen. Durch das Zusammensetzen einzelner Interessensfelder und Eigenschaften entsteht laut Reckwitz erst das Interessante an einem Profil. (ebd. S.249) Des Weiteren sollte man bedenken, dass das Profil keine feste Größe ist, sondern davon lebt, sich immer wieder neu zu repräsentieren. Visualität spielt dabei eine große Rolle, da sie durch das Darstellen von Erlebtem dem Rezipienten Unmittelbarkeit und somit Authentizität vermittelt. (ebd. S.249-250) Zudem fördert sie eine „affektive Positivkultur” (ebd. S.251), da man vor allem mit dem Teilen von positiven Augenblicken versucht, Aufmerksamkeit zu erlangen. (ebd. S.251-253)

Personalisierung durch Datensammlung

Das Verhalten von Nutzern wird laut Reckwitz durch „apparative Systeme der Beobachtung“ (ebd. S.253) festgehalten, welche versuchen, sie in ihrer Besonderheit zu begreifen. Durch die Auswertung großer Mengen von Daten können Subjekte als Singularitäten begriffen werden, anstatt sie nur beruhend auf der Allgemeinheit zu typisieren. Diese Änderung stellt einen geschichtlichen Einschnitt dar, da Menschen traditionell in der „Öffentlich-Systemischen” (ebd. S.254) Welt eher als Typus und nur im „Privat-Lebensweltlichen” (ebd. S.254) als Individuell definiert wurden. Die im Internet gesammelten Daten werden von Firmen und Institutionen genutzt, um das Subjekt aus diskreten Teilen zusammen zu setzen anstatt es in seiner Gesamtheit in den Blick zu nehmen. Eine Art dieser Teile entsteht, so Reckwitz, durch die Auswertung von Netzwerkprotokollen, die durch Firmen wie Google genutzt wird, um Vorhersagen über zukünftiges Verhalten zu treffen. Während die manuelle Datensammlung (Small Data) (ebd. S.256) der industriellen Moderne zwar auch durch sogenannte „people analytics” (ebd. S.256) versucht hat, Einzigartigkeit in Subjekten festzuhalten, gelang es ihr nicht zum singulären Subjekt vorzudringen. So konnten zwar Konsum- und Wahlverhalten durch Korrelation typisiert werden, diese Typen können jedoch erst mit Hilfe von Big Data gezielt adressiert werden.

„Subjekte sehen sich einer sozusagen maßgeschneiderten kulturellen Umwelt gegenüber, die versucht, sich so weit wie möglich ihrer aktuellen Wunsch-Interessen-Struktur anzupassen.”

(Reckwitz, 2017: S. 258)

Auf Grundlage der Datensammlung und -auswertung können Inhalte automatisch singularisiert werden. Auf Facebook werden dem Subjekt abhängig von seinen Freunden und Vorlieben nur speziell ausgewählte Inhalte angezeigt. Google nimmt eine ähnliche Art der Auswahl von Inhalten im Rahmen von Suchergebnissen vor. Reckwitz beschreibt diese Auswahl für Nutzer als Fenster zu ihrer digitalen Welt und möglicherweise ihrer kulturellen Welt insgesamt. Die universale Welt des Netzes wird auf maschinell-algorithmische Weise in unzählige singularisierte Umwelten verwandelt. (ebd. S.258) Diese drastische Selektion ist nötig, um in der unendlichen Menge von Texten und Bildern die Aufmerksamkeit des Nutzers zu lenken.

Formen des Sozialen und Neogemeinschaften

Reckwitz beschreibt in seinem Text drei Formen des sozialen Neuen. Diese bezeichnet er als „Singularitätsmärkte”, „heterogene Kollaboration” und „Neogemeinschaften”. In der ersten Form, den Singularitätsmärkten, wird so viel produziert, dass ein ständiger Wettbewerb um Aufmerksamkeit (Reckwitz, 2017: S.263) besteht. Die zweite Form, die heterogene Kollaboration, wird für ihn von einer Zusammenarbeit der Subjekte bestimmt. Die dritte Form bezeichnet Reckwitz als „digitale Neogemeinschaften” (ebd. S.261ff.). Diese zeichnen sich dadurch aus, dass sie „Wahlgemeischaften” (ebd. S.264) sind, die durch ein bestimmtes Interesse verbunden sind. Durch die Technik ist es auch für kleine, spezialisierte Gruppen möglich, Neogemeinschaften zu formen. Durch das geteilte Interesse und die Größe der Communities fühlt sich jedes Mitglied dazu angehalten, Inhalte zu produzieren. (ebd. S.265)

Spannungsfelder

Der Prozess der Singularisierung birgt laut Reckwitz aber auch Schwierigkeiten. Er erläutert fünf dieser näher. Als erstes spricht er von einen „Profilierungszwang” (ebd. S.266), einem Druck, sich zu singularisieren. Allerdings wird von der Gesellschaft bestimmt, was eine akzeptable oder nicht akzeptable Form der Singularisierung ist .(ebd. S.266f.) Er beschreibt nichtakzeptable Besonderheiten als solche, die mit Scham verbunden werden. Als zweites führt er die Gefahr der „Zementierung des Individuums” (ebd. S.268) an. Dies geschähe durch die Anpassung der Inhalte im Netz an den Benutzer, aus der nur schwer zu entkommen sei. Das dritte Spannungsfeld, das er identifiziert ist die Zerklüftung der Öffentlichkeit in Parallelgemeinschaften. (ebd. S.268f.) Dies sorge dafür, dass keine gemeinsame Basis für Diskussionen mehr bestehe. Das Fehlen einer gemeinsamen Basis könne zu einem „Freund-Feind-Denken” (ebd. S.269) eskalieren. Als viertes erwähnt er einen Drang nach Aktualität in den Medien (ebd. 269), den er an den Wettbewerb um Aufmerksamkeit anknüpft. Dies führe dazu, dass die Vergangenheit schneller vergessen würde. Das fünfte Spannungsfeld, das Reckwitz in dem Abschnitt seines Buches erläutert, ist die Prägung der sozialen Medien durch eine positive Affektivkultur. (ebd. S.270f.) Er beschreibt weiterführend, wie Negatives entweder verdrängt (ebd. S.270) oder als „kleine Schwäche“ in einen positiven Rahmen gesetzt wird (ebd. S.252). Durch das Verdrängen des Negativen in die Anonymität eskaliere es. Als Beispiel für diese Eskalation erwähnt er Cyber-Bullying und Shitstorms. (ebd. S.270)

Reckwitz bietet in seinem Werk einen umfassenden Einblick in das Selbstverständnis von Internetnutzern, aber erläutert auch die systemischen Voraussetzungen unter denen sie agieren. Seine komplexen Beobachtungen und gezielten Beschreibungen von allgegenwärtigen Phänomenen bieten einen aufschlussreichen Einblick in die Funktionen eines heutzutage vorherrschenden Mediums, in dem sich viele Nutzer wiedererkennen können.          

Links/Nachweise:

https://de.wikipedia.org/wiki/Andreas_Reckwitz

https://www.kuwi.europa-uni.de/de/lehrstuhl/vs/kulsoz/professurinhaber/index.html

Reckwitz, Andreas (2017): Die Gesellschaft der Singularitäten. Suhrkamp, S. 243-272.

Riesman, David/Denney, Reuel/Glazer, Nathan (1965): Die einsame Masse: eine Untersuchung der Wandlung des amerikanischen Charakters. Hamburg: Rotwohlt.

Was haben Buchdruck, DJ’s und Cosplay gemeinsam?

Referentialität im digitalen Zeitalter

Der folgende Artikel basiert auf Felix Stalders Buch „Kultur der Digitalität“ (2017). Der Kultur-und Medienwissenschaftler Felix Stalder ist Professor an der Zürcher Hochschule der Künste. In seinem Buch nennt er den Begriff „Referentialität“, der neben „Gemeinschaftlichkeit“ und „Algorithmizität“ die charakteristischen Eigenschaften einer Kultur der Digitalität bildet. Laut Stalder bestimmt unser eigenes Handeln die Zukunft der Digitalität. Ebenfalls sagt er, dass die Kultur der Digitalität bereits in unserem Alltag dominant ist. Diese schafft eine bestimmende kulturelle Konstellation, die in allen Lebensbereichen vorhanden ist – durch das referentielle Herausgreifen, Zusammenführen, Verändern und Hinzufügen von digitalem Material findet heutzutage eine „kollektive[.] Verhandlung von Bedeutung“ im Alltag statt. (Stalder 2017:S. 96).

Vom Entstehen der Bedeutung

Referentialität ist eine Methode, mit der sich Einzelne in kulturelle Prozesse einschreiben und als Produzenten konstituieren können.“ (ebd. S. 95). 

Dadurch, dass Aufmerksamkeit auf Informationen gelenkt wird, werden sie von der veröffentlichenden Person als relevant eingestuft. Das Filtern von Informationen und die Bedeutungszuweisung finden hier also nicht mehr nur noch durch Verlage oder Massenmedien, sondern durch Einzelne statt. Kultur bedeutet aber ebenfalls, dass sich ein solches Verfahren nicht auf einen Einzelnen beschränken muss, sondern in einem größeren Raum stattfinden kann. Für diesen Raum sind die Existenz und Entwicklung gemeinschaftlicher Formationen von zentraler Bedeutung. Das heißt grob, dass Referentialität, wie schon gesagt, eine Methode ist, mit der Menschen, allein oder in Gruppen, an der kollektiven Verhandlung von Bedeutung teilnehmen, indem Bezüge hergestellt werden, die weiter verarbeitet werden und diese ebenfalls weiter bearbeitet werden. Es ist sozusagen eine nicht endende Kette. Beispiele hierfür wären Remixe, Samplings, Nachahmungen, Hommagen, Parodien oder Zitate. All diese Dinge bedienen sich eines „Originals“ und verarbeiten dieses weiter. Dazu sind zwei Aspekte wichtig: zum Einen die Erkennbarkeit der Quelle und zum Anderen der freie Umgang damit. Das verdeutlichen wir nun am Beispiel eines DJ’s: Dieser sucht sich ein Lied, verändert es und bringt es in einen neuen Kontext. Damit schafft er ein internes System von Verweisen, das Bedeutung und Ästhetik wesentlich prägt. Allerdings gibt es auch eine Voraussetzung: Das Neue muss auf derselben Stufe stehen wie das verwendete Material. Dazu zitiert Stalder den Journalisten Ulf Poschardt:

(E)s geht nicht um die Errettung von Authentizität, sondern um die Erschaffung einer neuen Authentizität.“ (Poschardt 1995: S. 34).

Auch auf breiter gesellschaftlicher Ebene zeigt sich die Wirkung der Referentialität. So findet man auch in der populären Kultur Prozesse der Aneignung und Distanzierung, beispielsweise in der Cosplay Szene. Hier werden Charaktere aus Filmen, Videospielen und Comics verschieden gedeutet, adaptiert und weiterverarbeitet. 

Das Chaos der wachsenden digitalen Welt

Insgesamt stellt die digitale Welt auch durch referentielle Verfahren eine schnell wandelnde Landschaft dar – die Anzahl und das Ausmaß frei verfügbarer digitaler Daten steigt aktuell rasant. Vor allem steigt auch die Zahl kultureller Artefakte, die vor der Digitalisierung nicht öffentlich gemacht wurden, beispielsweise Amateurfoto- und Videografie. Dass diese nicht von Medieninstitutionen oder Bibliotheken, sondern von Einzelnen, geordnet werden, führt dazu, dass sie ohne (nachgewiesenen) Kontext und Rahmeninformation online gestellt, weiterverarbeitet und weiterveröffentlicht werden – so zum Beispiel bei YouTube. 

Die von Stalder sogenannte „übergeordnete Narration“ (Stalder 2017: S. 115) schwindet also: Die Bedeutungen sind offener und die Verbindungen so unübersichtlich, dass Menschen eigene Bezüge herstellen müssen, um die Alltagswelt zu ordnen. Internetforscher David Weinberger, der in Stalders Text zitiert wird, bezeichnet dies als „die neue digitale Unordnung“ (ebd. S. 116).

Was braucht es für ein referentielles Verfahren?

Also kann man sagen, dass referentielle Verfahren, anstatt sich abzugrenzen, explizit Bezug auf das verwendete Material nehmen. Teile werden weniger zusammengefügt, als ineinandergefügt, indem man sie verändert, anpasst oder transformiert. Jedoch ist ein referentielles Verfahren nur temporär, da das neu Entstandene selbst zum verwendeten Material werden kann. Sinnzusammenhänge werden kontinuierlich der aktuellen Situation und Zeit angepasst

Dafür gibt es allerdings drei Regeln, die eingehalten werden müssen: 

  1. Ökonomisch und organisatorisch: Referentielle Verfahren müssen preiswert und
    leicht zugänglich sein.
  2. Kulturell: Sie müssen alltägliche Handlung ohne Voraussetzungen sein.
  3. Materiell: Material muss nutzbar sein und darf verändert werden.

Aufzeichnung, Speicherung, Prozessierung und Wiedergabe sind Beispiele hierfür. Sie machen es möglich, dass Bilder, Videos und Audios zugänglich und für jeden veränderbar sind; nicht nur qualitativ, durch verbesserte Qualität, sondern auch quantitativ durch die Mengen an Dateien.

Praktisch gesehen: Relevanz und Risiken von Referentialität

Resümierend finden wir, dass sich Stalders Konzept der Referentialität sehr gut auf die heutige digitale Landschaft übertragen, beziehungsweise dort wiederfinden, lässt. Überall im Internet und besonders auf sozialen Netzwerken werden Dinge bearbeitet, weiterverwendet und in neue Kontexte eingebettet. Als Beispiel wären hier die beliebte Nutzung von Gifs und Memes zu nennen, das heißt von kurzen Film- oder YouTube-Clips (im Fall von Gifs) oder Fotos (im Fall von Memes), die mit einem neuen Text beschriftet werden und so eine neue Bedeutung bekommen. Dennoch muss man sagen, dass eine digitale Welt, die so bedeutungsoffen ist, dass Einzelne oftmals Bezüge selbst herstellen müssen, auch gefährlich sein kann. Die Veröffentlichung von Videos auf YouTube oder Facebook ohne jegliche Kontexteinbettung lässt viel Interpretationsspielraum, der zum Nährboden für Gerüchte und sogenannte Fake News werden kann. Dass sich Einzelne in der aktuellen digitalen Welt so einfach durch Referentialität in kulturelle Prozesse einschreiben können, kann unserer Meinung nach daher sowohl Chance als auch als Risiko gesehen werden.

Quelle: Poschardt, Ulf (1995): DJ-Culture. Hamburg: Rogner und Bernhard bei Zweitausendeins, S. 34.; Stalder, Felix (2017): Kultur der Digitalität. Erste Auflage, Originalausgabe., Berlin: Suhrkamp.


Bildquelle: https://www.dance-charts.de/201711099472/dj-promotion-2

Autoren: Josephine Grothoff, Pia Westerteicher

Vom Zwitschern und Zirpen

140 Zeichen seit 2006, eine Verdopplung auf 280 Zeichen seit 2016. Jeder kennt den kleinen blauen Vogel. Kaum ein anderes soziales Netzwerk bietet ein so begrenztes Zeichenlimit wie Twitter, trotzdem erfreut sich die Mikroblogging-Plattform großer Beliebtheit. Ob der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika oder Beauty-Blogger; zahlreiche Prominente verwenden die Kurznachrichten, um sich Gehör zu verschaffen. Sei es als Medium für narzisstische Selbstdarstellung oder als modernes Flugblatt für politische Themen, Twitter ist ein Ping-Pong-Spiel bei dem jeder durch Äußerung seiner eigenen Meinung, und durch das Teilen und Kommentieren anderer Statements mitspielen darf. Mit diesem Kommunikationsmedium haben sich Johannes Paßmann, Thomas Boetschoten und Mirko Tobias Schäfer in ihrem Text „The Gift of the Gab: Retweet Cartels and Gift Economies on Twitter“ auseinandergesetzt. In ihrer Studie haben die Autoren die Funktion von Retweets und Replies vor dem Hintergrund sozio-kultureller Kontexte untersucht. Dabei wurde deutlich, dass Twitter als Plattform für verschiedene Personengruppen unterschiedliche Bedeutung haben kann. In ihrer Studie gehen die Autoren besonders auf die unterschiedliche Nutzung von Twitter durch Politiker und Mitglieder der sog. Favstar-Szene ein.

Online Politik?!

Als Erstes widmeten sich Paßmann et al. in ihrer Arbeit dem Twitter-Verhalten von Politikern des niederländischen Parlaments und untersuchten zunächst quantitativ den Austausch von Nachrichten, um Gemeinsamkeiten und Muster im Verhalten der Politiker herauszuarbeiten. Dabei stellten die Forscher fest, dass Parlamentsmitglieder regelmäßig in Replies (Antworten) aufeinander bezugnehmen, aber die Parteizugehörigkeit der Kommunizierenden kaum eine Rolle spielt. Zwischen den Politikern entsteht ein ausgeglichenes Antwort-Netzwerk, welches keine klaren Gruppierungen aufweist. Anders sieht das jedoch bei den Retweets aus, bei denen die Forscher eine Regelmäßigkeit feststellten: Niederländische Politiker teilen hauptsächlich Tweets der eigenen Parteimitglieder. Man kommt zu folgendem Resultat:

„While replying is widely unaffected by party affiliation, retweeting is very much structured by it. Dutch politicians tend to prefer retweeting their own party members‘ messages than retweeting messages by members from opposition parties.“(Paßmann et al. 2014).

Aber warum ist das so? Paßmann et al. kommen zu dem Ergebnis, dass Replies von den Politikern als eine gängige Art der Unterhaltung aufgefasst werden, Retweets jedoch eine Befürwortung oder Unterstützung der ausgedrückten Meinung darstellen. Letzteres stelle eine spezifische Form der Homophilie dar: die allgemeine Tendenz des Menschen, ihm Gleichgesinnte zu bevorzugen. Die Forscher stellen die Vermutung auf, dass Nutzer, die die selben Wertvorstellungen und einen ähnlichen sozialen Status teilen, sich eher in Gruppen zusammenfinden und sich z.B. auch eher gegenseitig retweeten.  Das Besondere im Falle der Politiker ist, dass sie die geteilte Meinung der Partei, der sie angehören, verbreiten und Tweets der Parteiangehörigen teilen. Sie beziehen sich nicht auf User, die ihnen als Individuum gleichgesinnt sind. Der Soziologe und Ethnologe David Emilé Durkheim beschreibt dieses Phänomen als „mechanische Solidarität“ (Durkheim, 1984, K. 2). Die Kameradschaft beim Retweeten sei somit auf die gemeinsame Mitgliedschaft zurückzuführen, weise jedoch nicht unbedingt auf eine persönliche Beziehung oder Gemeinsamkeit hin und reflektiert Strukturen der Interaktion von Politikern im Alltag.

Einer für alle, alle für einen

Eine weitere Gruppe der untersuchten Twitter Nutzer bildet die sogenannte Favstar-Szene. Ein Fav funktioniert wie ein Like oder Gefällt mir auf Facebook und war ursprünglich als eine Art Lesezeichen für die Nutzer gedacht. Da in der Favstar-Szene Aufmerksamkeit die erstrebenswerteste Art der Anerkennung ist, wird der Favstar mittlerweile exzessiv genutzt um Aufmerksamkeit zu demonstrieren und selbst zu erlangen.  Die Mitglieder der Szene bauen ihre Twitter-Existenz ganz auf diesen Favs auf:

„While the politicians mentioned above have the advantage of being known to a large audience through their mainstream media appearances, Favestar members frequently have to build up their audience from scratch after setting up what are often pseudonymous accounts.“(Paßmann et al. 2014).

Eine weitere Möglichkeit der Popularisierung des eigenen Accounts bietet eine Art Tauschgeschäft unter einzelnen Mitgliedern der Favstar-Szene, welches die Autoren in einem Selbst-Experiment sichtbar gemacht haben: Durch die Vergabe vieler Favs wurde ihr Account überdurchschnittlich häufig weiterempfohlen. Aufgrund dieser Beobachtung beschreiben die Autoren die Favstar-Szene als eine Gift Economy in der ein Fav, als Gabe gilt. Hier findet das Konzept des  Opening of Gifts Verwendung. Diesen Begriff prägte der Sozialanthropologe Bronislaw Malinowski und beschreibt einen ritualisierten Vorgang, bei dem ein Partner einem anderen ein Eröffnungsgabe macht. Der Beschenkte hat nun die Option eines Clinching Gift, mit welchem die Beziehung gefestigt werden würde. Wenn der Interaktions-Partner die Eröffnungsgabe annimmt, entsteht eine Allianz zwischen beiden Partnern und beide können vom anderen und dem Zugang zu dessen Auditorium profitieren. Während bei Malinowskis ursprünglicher Bedeutung der Austausch von Gaben durch Traditionen und sozialem Zwang geformt ist, sind Mitglieder von Twitter frei eine Gabe zu erwidern; jedoch hat der Schenkende eine gewisse Erwartung eine Gabe im Gegenzug zu erhalten. Allerdings sind diese Gaben keine uneigennützigen: Das verschicken von Nachrichten oder Favs dient nur dem Selbstzweck, um den eigenen Account zu popularisieren und kann daher als ein übergeordnetes Ziel dieser Szene angesehen werden. Daher hat die Community einen außergewöhnlich starken Zusammenhalt, der zwar durch die Gift-Economy entstanden ist, jedoch durch die extreme Abhängigkeit der Mitglieder voneinander aufrechterhalten wird. Je mehr Gifts ausgetauscht werden, desto populärer und erfolgreicher wird ein Account. Dadurch entsteht dieser frequentierte Austausch zwischen einzelnen Mitgliedern.

Und jetzt?

Beachtlich ist, dass Twitter unterschiedliche Relevanzen im Leben seiner Nutzer hat. Während Mitglieder der Favstar-Szene sich auf ihr Publikum einstellen müssen und ihr öffentlicher Auftritt ausschließlich auf dem sozialen Netzwerk stattfindet, dient Twitter den Politikern lediglich als weiterer Kanal, um ihre politischen Interessen zu vertreten und mit anderen Politikern öffentlich in Kontakt und Diskussion zu treten. Folgender Gedanke, den wir bei der Bearbeitung des Textes hatten: Der Text erweckt den Anschein, dass Politiker Twitter ausschließlich als seriöses Kommunikationsmedium nutzen; während es Privatpersonen nur der Unterhaltung dient. Wir sind der Meinung, dass eine so genaue Trennung nicht möglich ist. Privatpersonen können bedenkenlos ihre Meinung durch Tweets kundtun; während grenzwertige Statements von Personen des öffentlichen Lebens, wie z.B. Politiker, immer auch auf ihre Privatperson zurückfallen. Paradebeispiel dafür ist der Präsident der Vereinigten Staaten Donald Trump. Es scheint, Trump nutze Twitter, um jeden seiner Gedanken mitzuteilen, ohne über Konsequenzen nachzudenken. Durch dieses Verhalten ist Trump nicht nur als Politiker, sondern auch als Privatperson höchst umstritten. Erstaunlich fanden wir auch, dass die Konzepte der Gift-Economy und des Opening-Gifts bereits zu Zeiten ohne Internet in nigerianischen Stämmen gemacht wurden und trotz des gesellschaftlichen Wandels in der heutigen Zeit immer noch zu finden sind.

Quelle: Paßmann, Johannes, Boeschoten, Thomas und Schäfer, Mirko Tobias (2014): »The Gift of the Gab: Retweet Cartels and Gift Economies on Twitter«. In: Katrin Weller et al. (Hrsg.): Twitter and Society . New York, S. 331-344

Autoren: Christine Ropertz, Franziska Klinkert, Alexandra Jaksa